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Au Pairs als informalisierte Hausarbeiterinnen - Flexibilisierung und Ethnisierung der Versorgungsarbeiten | von Sabine Hess
"Solange ich arbeite, möchten wir auf jeden Fall ein Au Pair haben und dann später, wenn Maia im Kindergarten ist und ich dann selbstständig bin, dann kommt es darauf an, wie ich das zeitlich regle." Frau Schmidt heute Mutter dreier Kinder und berufstätige Akademikerin, hatte die Familienplanung mit ihrem Mann eigentlich straff organisiert: Das erste Kind kurz nach der Zwischenprüfung, da das Studium im Gegensatz zum Beruf mehr Spielräume zur Kindererziehung einräume; das zweite Kind kurz vor der Diplomprüfung, das wäre dann im Kindergartenalter gewesen, wenn sie zu arbeiten angefangen hätte. Doch aus dem Plan, als Kleinfamilie Kinder und Beruf relativ gut vereinbaren zu können, wurde zunächst nichts, da sich ein drittes Kind ankündigte. "Da war ich sehr, sehr traurig und fertig," begründete sie den Schritt, ein Au Pair zur Kinderversorgung einzustellen, um nicht auf den Beruf verzichten zu müssen. Eine benachbarte Familie hatte bereits eine slowakische Au Pair-Frau. Nachdem es dort gut zu funktionieren schien, entschied sich Frau Schmidt, die Cousine der Au Pair für die eigene Familie zu holen. Frau Schmidt ist mit ihrer Au Pair seitdem relativ zufrieden, die sich um die Betreuung der Kinder und Haushaltsarbeiten zu kümmern hat. Mittlerweile sind ihr noch drei weitere Familien aus dem kleinen Dorf bekannt, die angesichts der fehlenden Ganztagskindergärten und Krabbelgruppen ihrem Beispiel gefolgt sind.
Auch in anderen Städten konnte ich während meiner zweijährigen ethnographischen Forschung über Osteuropäerinnen, die als Au Pair nach Deutschland kommen, den steigenden Rückgriff auf diese jungen Frauen als Haushaltsarbeiterinnen beobachten. Während Au Pair in der Öffentlichkeit immer noch als Form des Kulturaustauschs betrachtet wird (vgl. ibv 2001), ist es neben Reinigungskräften, Tagesmüttern und Verwandtschaft längst zum Bestandteil der überwiegend informellen Unterstützungsstruktur für Doppelverdiener-Familien geworden. Diese wird zu einem großen Teil von Migrantinnen mit und ohne Papiere gestellt, da sie angesichts des geschlechts- und ethnisiert-hierarchischen Arbeitsmarkts vor allem in dem personenbezogenen Dienstleistungssegment ein mageres Auskommen finden. Wie neuere Studien über migrantische Hausarbeiterinnen belegen, sind migrant domestic workers zu einer reglerechten "Wachstumsindustrie" (vgl. Anthias/ Lazaridis 2000) in Europa geworden.
Doch während in anderen europäischen Ländern das Phänomen migrantischer Hausarbeit öffentlich diskutiert wird und sie Interessensvertretungen haben (dies.; Giampi 1999; Henshall-Momensen 1999; Hess/ Lenz 2001), werden im öffentlich-politischen Diskurs in Deutschland migrant domestic workers immer noch weitgehend verunsichtbart. Dies hängt aufs Engste mit der restriktiven deutschen Einwanderungspolitik zusammen, die nur wenige legale Einwanderungs- und Arbeitserlaubnisse bereithält - keine für Hausarbeit. Insbesonders migrierende Frauen werden somit in die "Illegalität" und in die Unsichtbarkeit verbannt. Die jüngst, ohne große Diskussion verabschiedete Green Card Regelung für osteuropäische Pflegekräfte, die bis zu 100.000 Osteuropäerinnen für Versorgungsarbeiten in den Familien mit einer temporären Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ausstatten soll, kann als erste Anerkennung der Nachfrage nach migrantischer Arbeitskraft verstanden werden (Frankfurter Rundschau 23.11.01). Umgekehrt ist der "Haushalt" aber auch ein günstiger Arbeitsplatz für undokumentierte Migrantinnen, da er eingeschlossen in der Privatssphäre sich den öffentlichen Blicken entzieht. Bridget Anderson faßt diese double binde Situation von Migrantinnen folgend zusammen:
"In general, women who migrate to work must usually do so "illegal" for despite the demand for their labour, they cannot get working visa for the main forms of employment are prostitution and domestic work which are not considered "proper" work" (Anderson 2001: 8).
Zum anderen scheinen ebenso Geschlechter-Mythen die Unsichtbarkeit migrantischer Hausarbeit mitzuproduzieren. So hält sich mit erstaunlicher Persistenz auf der gesellschaftspolitischen Bühne trotz anders lautender empirischer Befunde, die auf eine Feminisierung der Arbeitswelt sowohl in numerischer wie auch in struktureller Hinsicht verweisen (vgl. Wichterich 1998), der Mythos vom Ernährer-Haushalt. In diesem Zusammenhang ist auch das Paradigma der geschlechtlich konnotierten Dichotomie von privater und öffentlicher Sphäre, welche als Grundlage geschlechterdifferenter Subjektpositionen gilt, zu hinterfragen. Refixiert die Aufrechterhaltung dieses Paradigmas nicht ungewollt die Besonderung des feminisierten Privaten und der Hausarbeit als "Arbeit aus Liebe" und versperrt somit den Blick auf die Veränderungen auch dieses Arbeitsbereichs im Zuge der Restrukturierungen der Produktions- und Lohnarbeitsverhältnisse - wenn es überhaupt je so differente Bereiche waren?
Denn die Geschichte der modernen Haus-Frau sowie der HausArbeit kann auch als eine Geschichte der Durchlässigkeit und Übertragung der formellen Ökonomie der Erwerbsarbeit auf den privaten Raum der Haus- und FamilienArbeit gelesen werden, wie Marion von Osten (2001) und Judy Wajcman (1994) zeigen. So haben fordistische Arbeitsorganisationformen und Rationalitätsvorstellungen auch die Technologisierung und Mechanisierung der Hausarbeit vorangetrieben und die "moderne Haus-Frau" geschaffen, die als rationell-zeitsparende Hauswirtschafterin, durchaus auch ein Wunschbild der frühen Frauenbewegung, zu agieren hat. Wie Judy Weycman ausführt, habe bezeichnenderweise vor allem der Rückgang bezahlter und unbezahlter Haushaltshilfen in den 20er bis 40er Jahren des 19. Jahrhunderts und die Übertragung der gesamten Arbeit auf die Haus-Ehefrau die Mechanisierung des Heims forciert (1994).
Was sagt aber nun der neuerlich steigende Rückgriff von Mittel- und Oberschichtsfamilien auf bezahlte und unbezahlte Haushaltshilfen in den postindustriellen westlichen Gesellschaften hinsichtlich der Organisation des spätmodernen Haushalts aus ? Oder anders formuliert: greifen die neueren Organisationsprinzipien der Erwerbsarbeit wie Flexibilisierung und Deregulierung nun auch auf die Privatssphäre und die Organisation der häuslichen Arbeiten aus? Führen flexibilisierte ErwerbsArbeitstage auch zu einer spezifischen Flexibilisierung der weiterhin gesellschaftlich gering geschätzten, repetetiven HausArbeiten im Sinne eines prekären Outsourcings? Und was bedeutet dies an Arbeits- und Lebensverhältnissen für diejenigen, die in diesem Prozeß erneut hausfrauisiert werden?
Von der Migrations- zur Arbeitsforschung
Ausgehend von meiner Forschung mit Au Pair-Frauen aus der Slowakei werde ich mich den spätmodernen Arbeitsverhältnis im Privaten nähern. Im Verlauf meiner "mitgehenden" und "mehr-ortigen" Feldforschung zwischen der Slowakei und Deutschland, habe ich mit 30 Au Pair Frauen vor, während und nach ihrem Aufenthalt Gespräche durchgeführt. Das mobile und mehrortige Feldforschungskonzept in Anlehnung an Georg Markus "following the people stellt eine Abkehr von der lokalisierenden klassischen ethnographischen Methode des Eintauchens an einem überschaubaren Ort dar und nimmt die vielfältigen konkreten, medialen und kommunikativen Verbindungen der Akteure im Globalisierungszeitalter zum Ausgangspunkt des Erkenntnisinteresses (vgl. Markus 1995 ). Damit bricht es auch mit traditionellen Ansätzen der Migrationsforschung, die meist eine Seite des Migrationsprozesses fokusierten und damit die transnationalen mehrortigen Lebensweisen und Strategien von MigrantInnen unterschlugen. So konnte ich eine Gruppe von sieben Frauen ausgehend von ihren Herkunftsfamilien über ihren einjährigen Au Pair-Aufenthalt bis zu ihren Nachfolgestrategien kontinuierlich begleiten.
Dabei bekam ich allerdings ausschließlich zu den familiären Arbeitsplätzen forschenden Zugang und konnte dort mit den sogenannten Gastmüttern reden, wo es keine offensichtlich starken Konflikte zwischen Au Pair und Gastfamilie gab. Von drastische Geschichten erfuhr ich vor allem auf meinen Busfahrten zwischen der Slowakei und Deutschland und während meiner Besuche eines Au Pair-Clubs. Dort schilderten mir Au Pair Frauen Problemlagen, wie sie auch Bridget Anderson und Annie Phizacklea in ihrem Bericht 1997 als charakteristisch für migrantische Hausarbeit aufgelistet haben: nicht bezahlte Überstunden; Zwang zu zusätzlichen Arbeiten und eine enorme Aufgabenüberlastung, da Kinderbetreuung und die gesamten Haushaltsaufgaben an die Au Pairs delegiert wurden; erniedrigende Behandlung wie nicht vom gemeinsamen Tisch essen, rassistisch motivierte Diskriminierung bis hin zur Gewaltandrohungen und sexuellem Missbrauch.
Die von mir begleiteten Au Pairs blieben größtenteils von derartigen offensichtlichen diskriminierenden Praktiken verschont. Jedoch waren auch ihre Aufenthalte mit Kontroversen gespickt, die - wie ich lernen sollte - nicht auf die Persönlichkeiten der arbeitgebenden Frauen und Au Pairs zurückzuführen waren. Im Verlauf der Forschung realisierte ich, dass sie vielmehr in den Arbeits- und Lebensalltagen der deutschen Doppelverdiener-Familien angelegt waren, die - so wie sie von den berufstätigen Frauen praktiziert wurden - mit den Erwartungshaltungen der meist gut qualifizierten Au Pairs in Konflikt geraten mußten. So wurde immer deutlicher, dass ein zentraler Dreh- und Angelpunkt der Beziehungsverhältnisse zwischen den deutschen Frauen und den Au Pairs die Auseinandersetzung um die Hausarbeit der Au Pairs und die Berufstätigkeit der sogenannten Gastmutter darstellte. Entlang der Bewertung der Erwerbs- und Hausarbeit wurden in den meisten Familien die Konflikte ausgetragen, Positionierungen zugeschrieben und um Subjektivitäten gerungen. Dieses Konfliktpotential verwies mich zunehmend darauf, die Veränderungen der Arbeitswelt mit ihren neuen Arbeitsparadigmen in den westlichen post-industriellen Gesellschaften zu studieren.
Im Folgenden werde ich nachzeichnen, warum Au Pair zu einer viel genutzten Migrationsstrategie von Frauen aus Osteuropa wurde und wie das gestiegene Angebot migrantischer Haushaltsarbeiterinnen mit einer gestiegenen Nachfrage in den westlichen postindustriellen Gesellschaften korreliert. Abschließend werde ich einige zentrale Konfliktlinien zwischen Arbeitgeberin und Arbeitsnehmerin im Privaten in Bezug auf die darin zum Ausdruck kommenden veränderten Bedeutungen und Praxen von Erwerbsarbeit und Zuhause respektive Hausarbeit analysieren.
Au Pair - Migrationsstrategie von Frauen aus Osteuropa
"Ist Au Pair nicht nur ein schönes Wort für Dienstmädchen? Ausländische Frauen sind billig, oder?" Mit dieser rhetorischen Frage schloss Maria das Interview über ihre Beweggründe und Motivationen, als Au Pair nach Deutschland zu gehen. Maria hatte vor einem Jahr Abitur gemacht und war seitdem arbeitslos. Wie viele Schulabgängerinnen hat sie bei über 25% Jugendarbeitslosigkeit in der Slowakei erst gar nicht versucht, eine Arbeit zu finden (Unicef-Report 1999): "Mein Gymnasiums Abschluss ist wertlos. Jetzt wollen die Firmen Berufsqualifikationen und Fremdsprachenkenntnisse. Eigentlich wollte sie studieren, doch auch hier rechnete sie sich keine Chancen aus, einen Platz an einer Universität zu bekommen. Zudem könnten ihre Eltern, nach Jahren von Arbeitslosigkeit im Zuge der Liberalisierung und Privatisierung der slowakischen Wirtschaft seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems, ihr auch kein Studium finanzieren. Daher unterstützten sie Marias Schritt, ins Ausland zu gehen, um die Sprache zu lernen und etwas eigenes Geld zu verdienen. Eine Deutschlehrerin habe ihr in der Schule von Au Pair erzählt. Auch viele ihrer Bekannten seien bereits als Au Pair in Westeuropa und sie entschloss sich, es ihnen gleich zu tun. Wie lange sie in Deutschland bleiben wollte, konnte sie mir noch nicht sagen. Maria ist eine der Tausenden osteuropäischen Frauen, die angesichts der sich verschlechternden Lebensumstände in den post-sozialistischen Ländern zunächst im transnationalen Raum (zusätzliches) finanzielles und kulturelles Kapital zu erwerben versuchen (vgl. Karamustafa/ Öncü 1999; Morokvasic 1994). Während im öffentlich-politische Diskurs in Deutschland bis heute das Bild einer Massenmigration aus dem Osten dominiert, stellen ethnographische Migrationsstudien jedoch fest, dass nicht so sehr die dauerhafte Auswanderung steigt, als vielmehr eine "ungeordnete Mobilität" über die Grenzen hinweg. Zwar hat sich die "europäische Migrationsordnung" (Rogers 2001: 9) mit dem Fall des eisernen Vorhangs, der partiellen Integration der osteuropäischen Länder in den Weltmarkt und ihren krisenhaften und teils gewaltvollen Transformationen dahingehend verändert, dass die Migration aus Osteuropa im Westen stärker ins Gewicht fällt. Dies hat vor allem in den angrenzenden EU-Staaten zu einer neuen Zusammensetzung der MigrantInnengruppen geführt, wobei Nicht-EU-Europäer in den letzten Jahren fast 2/3 der Neuankommenden in Deutschland ausmachten (vgl. Migrationsbericht 1999). Zum anderen sind aus ihr auch neue, mobile Migrationstrategien und zeitlich befristete Aufenthaltsmuster hervorgegangen, die auf eine verstärkte Pendel- und Zirklemigration verweisen (vgl. Cyrus 1997; Morokvasic 1994).
Dies ist zum großen Teil der restriktiven deutschen und EU-Migrationspolitik geschuldet, die seit dem Anwerbestopp `73 nur wenige temporäre Einreise- und Arbeitsmodi vorsieht und die EU-Außengrenzen militärisch aufrüstet. Jedoch ist das Bild von der "Festung Europa" ungenau, da die Steuerungsversuche sicherlich die Migration erschweren, doch nicht unterbinden. MigrantInnen werden vielmehr auf undokumentierte, "versteckte" Wege abgedrängt, die sich den offiziellen Statistiken entziehen.
Die bekannten offiziellen Arbeitsmigrationsformen waren Saisonarbeit und Werksverträge, beides männer-zentrierte Muster, und das sogenannte Künstlervisum, hinter dem sich nur allzu oft Prostitution verbirgt. Dass in der gleichen Anwerbestoppausnahmeverordnung zur Arbeitsvermittlung auch Au Pair aufgeführt ist, ist jedoch weitgehend unbekannt. Das einjährige Au Pair-Visum ist eines der wenigen offenen Tore in den Westen, in das Migrantinnen - man könnte fast denken - bewußt hinein kanalisiert werden, ganz egal aus welchen Gründen sie nach Westeuropa wollen. Vor diesem Hintergrund ist Au Pair zu einem viel genutzten "Sprungbrett" in den Westen geworden, das migrationswillige Frauen taktisch aufgreifen und zu ihren Zwecken nutzen. Für 1999 rechnete die deutsche Botschaft in der Slowakei mit 3000 Visaanträgen, was gut ein Drittel der offiziell registrierten slowakischen Arbeitsmigration nach Deutschland ausmachen würde.
Die allgemeine Datenbasis über Au Pairs aus Osteuropa ist jedoch sehr dünn. Obwohl mit der Zulassung privater Arbeitsvermittler 1994 in Deutschland das Geschäft mit Au Pair zu boomen begann, reagierte die Bundesanstalt für Arbeit auf den Trend erst vier Jahre später mit der getrennten Erhebung von EU-und Nicht-EU-Bewerberinnen. Dabei stützt sie sich auf die freiwillige Auskunft der registrierten Agenturen. Nicht-kommerzielle Vermittlungsstellen klagen jedoch über zahlreiche unseriös bis informell arbeitende Hinterhofagenturen und eine zunehemende nicht kontrollierbare Vermittlungstätigkeit im Internet. Sie selbst verzeichnen seit Mitte der 90er Jahre einen starken Bewerberinnenzuwachs aus osteuropäischen Ländern. So stellte eine Studie von agisra 1996 fest, dass 90 bis 95% der Au Pairs in Frankfurt aus Osteuropa kommen (vgl. Jiskra 1996: 38).
Viele der Au Pair Frauen versuchen nach Ablauf des einjährigen Visums, eine Verlängerung ist ausgeschlossen, länger in Westeuropa zu bleiben. Dabei ist eine Heirat die einzige Möglichkeit, den Aufenthalt legal zu verfestigen. So arbeiten sie ohne Papiere in deutschen Haushalten weiter oder gehen als Au Pair, Kranken- oder Altenpflegerin in ein anderes westeuropäisches Land. Viele der ehemaligen Au Pairs reihen sich nach Ablauf des Visums auch in die Schar der PendelmigrantInnen ein und nutzen das dreimonatige Touristenvisum für eine legale Einreise zur undokumentierten Beschäftigung. Dagegen hatte Maria nach Beendigung ihres Au Pair-Jahres Glück. Sie fand eine Stelle, legal ein "Freiwilliges Soziales Jahr" zu machen. Mittlerweile ist sie in die Slowakei zurückgekehrt, denn: " Ein, zwei Jahre kann man so eine Arbeit als Dienstmädchen machen. Jetzt habe ich genug Deutsch gelernt und will studieren und eine richtige Arbeit finden. Und dass kann ich nicht in Deutschland.
Das Comeback der "Dienstmädchen"
So wie die meisten hoch qualifizierten Osteuropäerinnen mir gegenüber Au Pair als Notlösung beschrieben, um nach Westeuropa zu gelangen, so wird in der beginnenden Hausarbeiterinnen-Forschung auch die Anstellung von domestic workers als strukturelle Notlösung deutscher Familien analysiert. Verwiesen wird zum einen auf den demographischen Wandel mit einer wachsenden Zahl von hilfsbedürftigen Menschen. Zum anderen führten die Individualisierungsprozesse zu einer Zunahme von "Patchworkfamilien" und alleinerziehenden Eltern, meist Frauen. Auch wachse seit den 70er Jahren in Deutschland die Berufstätigkeit von Frauen, wobei gerade die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte im zunehmenden Maße den Eintritt gut ausgebildeten Frauen in mittlere und obere Ränge des Dienstleistungssektors zu ermöglichen scheinen (vgl. Thiessen 2000, Lutz 2000, Young 1999: 7-9). Auch wenn die Lohnhierarchie oder die geschlechtliche Segmentation des Arbeitsmarkts weitgehend davon unberührt blieben, haben die Entwicklungen doch das klassische Geschlechterrollen-Modell vom "männlichen Brotverdiener und seiner Nur-Hausfrau" ins Wanken gebracht und zu Veränderung der vergeschlechtlichten Normen und Praxen in der öffentlichen Sphäre geführt. Die wohlfahrtsstaatlichen Konzepte folgten allerdings nur ungenügend den gesellschaftlichen Veränderungen. Vielmehr müssen sie sich den feministischen Vorwurf gefallen lassen, das asymmetrische Genderarrangement zu reproduzieren, als dass sie die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung und die Zuweisung unbezahlter Hausarbeit an Frauen aufbrechen helfen (vgl. Sauer 1998, Oster 1995). Das Problem der Vereinbarung von Beruf und Familie wurde, wie es meine Interviewpartnerinnen problematisierten, individualisiert und den privaten Beziehungen zur Aushandlung überlassen. Dabei scheint die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Haushalt außerordentlich persistent, wenn man die stagnierende geringfügige Beteiligung von Männern an Haushaltsarbeiten betrachtet. Unter den Bedingungen eines globalisierten "Wettbewerbsstaats" fällt dies nun vor allem Frauen auf die Füße. Die Kürzungen und Privatisierung (z.B. Altersvorsorge) einst staatlich garantierter sozialer Sicherheiten zurück in den Schoß der Kleinfamilie erhöht faktisch den Druck auf Frauen, Familie und Beruf zu vereinbaren (vgl. Sauer 1998: 38). Familien bzw. Frauen müssen zunehmend auf informelle Strategien zurückgreifen und die Hausarbeit an Dritte delegieren, wenn sie ihren Beruf nicht aufgeben wollen. So wird die weibliche Erwerbsarbeit durch die ethnisierte Umverteilung der Reproduktionsarbeit zwischen Frauen abgefedert ohne die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung angehen zu müssen.
Jedoch ist zu Fragen, ob das Argumentationsmuster "strukturelle Notlage" das Phänomen in Gänze erfaßt. Die kommerzialisierte Umschichtung der Hausarbeit an sozial und rassistisch schlechter gestellte Frauen scheint vielmehr ebenso Ausdruck kultureller Bedeutungsverschiebungen von Erwerbsarbeit und veränderter Geschlechterpraxen deutscher Mittelschichtsfrauen zu sein. So weisen die Selbstdeutungen der beruftstätigen Frauen in den Interviews weit über die strukturelle Notlage hinaus auf einen Wandel in den Bedeutungen und Praxen von "Zuhause" und "Hausarbeit" respektive "Erwerbsarbeit" . Zum Verständnis dieser neuen internationalen Arbeitsteilung im Privathaushalt halte ich es daher für lohnenswert, sich die postindustriellen Entwicklungen hin zu einem neuen "Arbeitsregime" näher zu betrachten. Denn die Umstrukturierungsprozesse der Produktions- und Arbeitsverhältnisse haben nicht nur die Arbeitswelt in den Büros und Fabrikhallen verändert. Erste Studien zeigen deutlich, dass sie neue Arbeits- und Alltagspraxen von den Erwerbstätigen fordern und höchst ambivalente Subjektivierungsprozesse generieren (vgl. Pühl/Schulz 2001; Gottschall 2000). Sie demonstrieren auch, dass die Umstrukturierungen von einer Intensivierung des Diskurses um "Arbeit" sowohl in repressiver Hinsicht als "Pflicht zur Arbeit" wie auch in ,emanzipativer' Hinsicht als "Selbstverwirklichung" begleitet sind (vgl. ebenda; Jessop 1994; Sassen 1998).
Diese strukturellen und kulturellen Verschiebungen werden die höchst vergeschlechtete Praxis der Privatssphäre, bislang als ,außerökonomischer Ort als das Andere, komplementäre zur kapitalistischen Produktionssphäre konzeptualisiert, und die Organisation der im Inneren des Hauses geleisteten Tätigkeiten von Frauen nicht unberührt lassen. Vielmehr werden sie neue - vergeschlechtlichte - Bedeutungen und Praxen im Privaten und des Privaten generieren bzw. notwendig machen, beispielsweise in Bezug auf das Zeitmanagment zwischen Lohnarbeit und Nicht-LohnArbeit, sei es Freizeit oder Versorgungsarbeit. So weisen neuere Studien über die Konsequenzen der Informatisierung von Arbeit oder zunehmender Selbstständigkeit bereits auf eine gegenseitigen Durchdringung von Erwerbsarbeit, Freizeitgestaltung und Privatssphäre hin. Damit scheint ebenso das Verhältnis bzw. die Verhältnissetzung zwischen öffentlicher Erwerbsarbeit und Zu-Hause bzw. häuslichen Tätigkeiten vor allem von (berufstätige) Frauen neu ausgehandelt und neu gestaltet werden zu müssen. Vor diesem Hintergrund werde ich nun die Beziehungs- und Konfliktdynamiken zwischen den deutschen Arbeitgeberinnen und den Au Pairs betrachten.
Arbeitsplatz "Haushalt"
Die spätmoderne Hausmanagerin - intrageschlechtliche Arbeitsteilung im Haushalt. Die meisten Au Pair-Familien würde ich als Frauenfamilien bezeichnen, da die Ehemänner durch Abwesenheit glänzten. Entweder waren sie Wochenendväter oder Nachtgäste. Doch auch die deutschen Frauen waren ganztags berufstätig oder als Selbständige mit höchst flexiblen Arbeitszeiten tätig, wo 46-Stundenwochen und Überstunden keine Seltenheit darstellten. Nur eine Frau hatte nach langen "Kämpfen" mit ihrem Arbeitgeber eine Teilzeitstelle durchgesetzt. Trotz ihrer Berufstätigkeit waren sie allerdings weiterhin für die häusliche Sphäre und Versorgungsarbeiten zuständig. Es waren ausschließlich die Frauen, die den Haushalt verwalteten und den Arbeitseinsatz der Au Pairs dirigierten.
Auf die innerfamiliäre Arbeitsteilung kamen jedoch nur wenige der berufstätigen deutschen Frauen zu sprechen. Vielmehr wurde der Karriereweg der Ehemänner und die in oberen Etagen üblichen langen Arbeitszeiten durchweg von ihnen unterstützt. Während sich zwar mehrere beklagten, dass sie ihre Gatten erst ab 21 Uhr zu Gesicht bekämen, stellte nur eine Frau das dominante Modell vom von der Hausarbeit befreiten Ehemann in Frage. Sie machte dann auch mit ihren Mann Familiensharing und arbeiteten in Schichtdiensten zu Hause.
In den Familien, wo die Partner tagsüber abwesend waren, lebten die Frauen ein "straffes" und "anstrengendes" Zeitmanagement mit dem Ziel, die Haushaltstätigkeiten soweit zu rationalisieren und zu delegieren, um abends ein bis zwei "Qualitätsstunden" für die Kinder rauszuschlagen. "Solange ich nicht arbeitete," meint eine, "wurde ich immer ungenießbarer und das schadet jedem. Jetzt, wo ich arbeite, kann ich mich wieder zwei intensive Stunden mit den Kindern beschäftigen."
Das Rationalisierungs- und Effizienzgebot - teilweise durch die Lohnarbeitsverhältnisse den Frauen auferlegt - verlängerte sich so bis in die Privatssphäre, die sie nun wie eine Managerinnen verwalteten. Dies kam auch in einer speziellen intrageschlechtliche Arbeitsteilung zwischen Hausmanagerin und Au Pair zum Ausdruck. Die konkreten, manuellen und repetetiven Tätigkeiten wie Aufräumen, Putzen, Wäsche machen, Bügeln, das normale Essen vorbereiten und die alltäglichen Kinderaufsicht wurden an die Au Pairs delegiert - oft in Form von Arbeitslisten. Diese Arbeitsteilung war nicht zufällig. So bewerteten die deutschen Frauen die Hausarbeiten als "monotone", "gleichförmige" und "langweilige" Sysiphustätigkeiten, die dennoch sehr "zeitintensiv, mühevoll und undankbar" seien. Alle interviewten deutschen Frauen waren froh, sich davon befreit zu haben.
Doch die Arbeitsleistungen der Au Pairs wurde von den deutschen Frauen nicht mit gleicher Elle gemessen. Vielmehr reproduzierten die deutschen Frauen die gesellschaftliche Abwertung der Hausarbeiten nun ihrerseits in der mangelnden Anerkennung der Arbeitsleistungen der Au Pairs: "Es sind ja keine schweren Arbeiten. Was ist denn schon Hausarbeit?" Mit dem Verweis auf die Technisierung des Haushalts wurden lange Arbeitszeiten der Au Pairs ihrem Unvermögen zugeschrieben, ihre Arbeit effizient organisieren zu können. Andererseits hatten viele deutsche Frauen eine klare Vorstellung davon, wie die Arbeit in ihrem Privatbereich ausgeführt werden sollte. "Sie ist richtig konservativ", beschrieb Stella ihre Arbeitgeberin, die sich mir gegenüber selbst als "unkonventionell" vorgestellt hatte: "So wie ich es mache, komme ich zwar zum gleichen Ergebnis wie sie, doch sie will es so wie sie es immer macht.
Viele Au Pair-Frauen haben diese Arbeitsteilung dann auch zunehmend als Ausnutzung und Abwertung ihrer Person verstanden. Dabei beklagten sie nicht nur, durch Haushalt und Kinderaufsicht überfordert zu sein, sondern vor allem die Monotonie, Redundanz und Langeweile der Tätigkeiten. Nach einigen Wochen lehnten die meisten Au Pairs sie ebenso als eintönige und unkommunikative Arbeit ab wie ihre Managerinnen. Stella: "Ich mache alle konkreten Hausarbeiten und sie ist nur noch für gute Ratschläge und die materielle Versorgung der Kinder zuständig."
Doch es dauerte noch einige Zeit länger bis sich die Au Pair Frauen trauten, diese Arbeitsteilung als ungerecht zu kritisieren. Dies war zum Teil auf den geringen Informationsstand der migrierenden Frauen selbst zurückzuführen, was "Au Pair" an Arbeiten beinhaltet und welche Rechte und Pflichten sie haben. Andererseits sind aber auch im Au Pair-Arbeitsvertrag die zu verrichtenden Tätigkeiten nur gering definiert. So blieb es den Akteuren zur Aushandlung überlassen, was sie unter "leichte Haushaltstätigkeiten verstanden, wobei die Verhandlungsmacht der Au Pairs aufgrund ihres geringen Wissensstands anfangs äußerst begrenzt war. Erst im Vergleich mit anderen Au Pairs, die sie in den Au Pair-Netzwerken kennen lernten, konnten die Frauen ihre Situation einschätzen lernen. Vor diesem Hintergrund nahm auch Vera ihr Arbeitsverhältnis in Kauf, das sie so beschrieb: "Ich muß immer hinterher putzen und dienen, sie lassen alles stehen und liegen. Sie sind immer im Streß mit ihrer Arbeit"
Flexibilisierung der Hausarbeit - unregulierter Arbeitseinsatz im Haushalt Den Streß und die Zeitknappheit, die ihre Berufstätigkeit für sie mit sich brachten, beklagten die deutschen Frauen alle. Doch inszenierten sich als "starke" und "disziplinierte" Personen, die nach der Kinderpause "ausgehungert nach Arbeit" "nicht genießbar zu Hause waren". So schildert eine junge Mutter ihre damalige Situation: "Egal, was es war, ich wollte nur arbeiten." Viele vermissten vor allem den Kontakt zu Nicht-Vollzeit-Müttern (ich verstehe diesen Begriff in Analogie zur Lohnarbeit), so dass eine meinte: "Am Anfang hat mir die Arbeit dann auch total Spaß gemacht und ich hätte ohne weiteres immer noch länger arbeiten können." Auch wenn sie in "harten Branchen" tätig sind, "wo voller Einsatz" von ihnen verlangt wird, stellten sie fest: "Arbeit macht wahnsinnig Spaß, davon profitieren alle!" Die Berufspraxis der deutschen Frauen erforderte jedoch, dass die Au Pairs ganztags im Haus waren und ihre Freizeit eng in Absprache mit der Hausmanagerin zu planen hatten, um die alltägliche Grundversorgung zu gewährleisten. Dies garantierte Au Pair als live-in Arbeitsverhältnis bestens. So berichteten mir die Gastmütter, dass sie Au Pairs Reinigungskräften, Tagesmüttern oder Babysittern vorgezogen hatten, da sie immer anwesend und somit flexible und multiple einsetzbar seien. Demgegenüber beschwerten sich die Migrantinnen am stärksten über die lang gedehnten und unregulierten Arbeitstage und mangelnde eigene Zeitsouveränität. Der Au Pair Vertrag schreibt zwar fünf Arbeitstunden pro Tag und 30 in der Woche vor, doch die allermeisten mußten länger arbeiten und hatten nur wenig Planungssicherheit über ihre freie Zeit. Dabei war es nicht wirklich die viele Arbeit, die die Au Pairs zu Überstunden zwang. Vielfach hatten sie sich wartend für den nächsten Einsatz bereitzuhalten, bis das Kind vom Musikunterricht abzuholen war oder für den Fall, dass Abendtermine und Überstunden der Arbeitgeberinnen dazwischen kamen. In dieser ausgedehnten Inanspruchnahme ihrer Eigenzeit artikulierte sich für die Au Pairs am stärksten die Verfügungsmacht der deutschen Frauen über sie und die Hierarchie zwischen ihnen.
Von den deutschen Frauen wurde jedoch dieser Zugriff auf die Arbeitskraft gar nicht gesehen. Vielmehr wurde die Indienstnahme als Gefallen, Entwicklungshilfe oder Bildungsprogramm für die "armen", rückständigen Osteuropäerinnen legitimiert. So wurden Anweisungen zu einem Lehrgang in Haushaltshilfe umgedeutet: "Du sollst versuchen, dich an unser Sparbewußtsein anzupassen", lautete eine gutgemeinte Aufforderung, "das ist auch später nützlich für dich." Auch in die persönlichen Interaktionen schleicht sich so das Narrativ vom zurückgebliebenen Osten ein, womit das moderne und progressive Selbstbild der berufstätigen Frauen stabilisiert blieb.
Entgrenzte Arbeit in der Privatssphäre - corporate identity "Familie" Bei der Umdeutung des Arbeitseinsatzes der Au Pairs kam den deutschen Frauen die offizielle Definition von Au Pair als "Kulturaustausch" und geringe Formulierung des Arbeitsaspekts sowie ihr grundlegendes Charakteristika als live-in Verhältnis entgegen. Die meisten Familien versuchten - durchaus wohlgemeint - ihre Au Pairs als Mitglied, gar Tochter der Familie zu definieren. Darüber konnten sie jedoch auch, bewußt und unbewußt, das Arbeitsverhältnis unkenntlich machen. Im Konfliktfall forderte eine Familie dann auch die Loyalität ihres Au Pairs nach dem Motto ein: "Du wirst uns doch jetzt nicht im Stich lassen, du siehst doch, wie wenig Zeit wir haben. Dieser moralische Diskurs traf bei den Au Pairs auf offene Ohren. Denn die live-in-Konstellation konstituiert für die Au Pairs strukturell eine höchst uneindeutige Positionierung zwischen Arbeiterin und Mitglied der Familie, zwischen Arbeiten für Lohn und Mithelfen aus Nettigkeit, zwischen Arbeitsplatz und Lebensort. Die Grenzen mußten sie immer wieder aufs Neue ziehen. Darüber hinaus stellt die Eingebundenheit in die Familie eine sehr intime Situation dar, welche die Au Pairs auch von den Stimmungen der sog. Gasteltern abhängig machte und emotionale Beziehungen vor allem zu den Kindern entstehen ließ. Dies generierte ebenso auf Seiten der Au Pairs Gefühle von Verantwortlichkeiten gegenüber "ihren" Familien. So hatte Eva, die ihre Familie wechseln wollte, vor allem mit ihren moralischen Gewissenskonflikten zu kämpfen, die "Kinder zurück zu lassen". Diese Uneindeutigkeit machte es den Au Pairs sehr schwer, sich ihrer Situation klar zu werden und einen Standpunkt zu beziehen, von dem aus sie sprechen und mit dem sie sich identifizieren konnten. Vor allem die Frauen, die im Sinne des klassischen Au Pairs in ihren Familien gut integriert schienen, hatten ihre vielfachen Mühen damit: Erst ab dem Moment, wo sie ihre Tätigkeit als Arbeit gegen Lohn für sich definieren konnten, erlangten sie Handlungssicherheit und fingen an, sich gegen Anordnungen zu widersetzen. Dabei halfen vor allem die Au Pair-Netze. Sie ermöglichten es ihnen, sich von der Familie abzugrenzen und klare Zeiten zur eigenen Gestaltung einzufordern: "Das musste ich erst lernen: Ich arbeite gegen Geld und wenn ich fertig bin, gehe ich jetzt und lebe mein Leben. Früher als ich noch nicht verstand, was ein Au Pair machen muss, war ich den ganzen Tag in der Familie und habe auf Arbeit gewartet." Nachdem Maria diese Position bezogen hatte, war sie wie verwandelt und fing in den letzten Monaten an, die Welt außerhalb der Familie zu erkunden.
"Arbeit macht Spaß" - Ethnisierung von Versorgungsarbeiten
Ein zentraler Mechanismus, wie sich die zwei Frauen begegnen und sich wechselseitig auf- bzw. abwerten, funktioniert - wie bereits angedeutet - über das Frauenbild entlang der Achsen Berufstätigkeit und klassische Hausfrauenrolle. Die Au Pairs nahmen die Berufstätigkeit der deutschen Frauen zum Ausgangspunkt ihrer eigenen "Selbstbehauptung" und qualifizierten diese als Rabenmütter und schlechte Hausfrauen ab. Die deutschen Frauen könnten nicht kochen, was sie an der Küchenausstattung, an Tütensuppen und Tiefgefrorenem festmachten, und hätten keine Zeit für die Kinder. Dabei reproduzierten sie wider Willen das klassische Frauenbild und inszenierten sich als die wahren, besseren Mütter. Ich sage "wider Willen", da andererseits alle den Ausbruch aus den engen Familienverhältnissen und traditionalistischen Rollenvorstellungen in der Slowakei als Migrationsmotiv angaben. Dagegen legitimierten die deutschen Frauen ihre Lebenspraxis über ihre Berufstätigkeit und bezogen sich dabei auf die neuen Arbeitsparadigmen. Sie werteten die Arbeitswelt als zentralen Ort auf, wo sie Anerkennung, Erfüllung und Selbstverwirklichung erführen und in Folge Ausgeglichenheit herausziehen könnten: "Ich habe den ganz berühmten positiven Stress, die Ausschüttung von Glückshormonen, das bringt mich weiter", bewertet eine ihre Arbeitsmotivation.
Insgesamt erschienen mir die deutschen Frauen als wahre Organisationstalente, die sich flexibel im permanenten Multitasking zwischen Beruf, Kinder, Haushalt, Ehe und Freizeit hin- und her bewegen mußten, konnten und wollten. Mit ihren entgrenzenden Schritten hinaus in die öffentliche Sphäre haben sie die geschlechtsdichotomische Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit überwunden, womit sie im Umkehrschluß auch den Haushalt dem Markt mit seinen Arbeitsmaximen unterwerfen. Er bleibt als widersprüchlicher, halböffentlicher Raum informalisierter, immer noch privat auszuhandelnder prekärer Arbeitsverhältnisse zurück.
Während sich die spätmoderne Geschlechterpraxen in den postindustriellen Gesellschaften soweit flexibilisiert haben, dass die Arbeitswelt für Frauen - wenn auch weiterhin gebrochen - ein "Zuhause" wurde, bleibt die geschlechtliche Zuschreibung der Hausarbeit persistent. Allerdings hat sich auch in dieser Hinsicht das spätmoderne Frauenbild liberalisiert, als dass "Arbeit" und "Liebe" im Privaten arbeitsteilig organisiert werden können. Dabei scheint sich die gesellschaftliche Abwertung von Hausarbeit im intrageschlechtlichen Machtverhältnis zwischen außerhäuslich arbeitenden deutschen Frau und migrantischer Hausarbeiterin zu reproduzieren. Hierbei greifen Diskurse und Praxen, die die deutsche Migrationspolitik mitstrukturiert: So trägt die deutsche Migrationspolitik wesentlich zur Regulation dieser informalisierten "international devision of repoductive labor" ( Perrenas 2001: 69ff.) bei, in dem sie bestimmte Migrationsformen und Migrantinnen zwar illegalisiert bzw. in einem prekären, entrechteten Status festschreibt, sie aber strukturell als "Unterstützungsstruktur einkalkuliert. Auch in den Selbstdeutungen der berufstätigen deutschen Frauen blieb ihr Rückgriff auf die ethnisierte Unterstützungsstruktur von Migrantinnen und das darin ausagierte Machtverhältnis unbefragt selbst-verständlich, womit der eigene Zugang zu prestigeträchtiger Erwerbsarbeit gesichert wurde. Dies bedeutet auch, dass wir es mit einem veränderten Genderdiskurs zu tun haben bzw. mit einem neuen Modus wie gender und race ineinandergreifen: Migrantische Arbeitskraft wird feminisiert und Versorgungsarbeiten ethnisiert/racialized.
Literatur
AGISRA: Projekt Jiskra. Die Situation mittel- und osteuropäischer Frauen in Frankfurt am Main und Umland. Frankfurt/Main 1996
Anderson, Bridget: Multiple Transnationalism: Space, the State and human Relations. Paper 2001. In: www.transcomm.ox.ac.uk/working_papers.htm. WPTC-01-15
Dies.: Overseas domestic workers in the European Union: invisible women. In: Henshall-Momsen, Janet (ed.): Gender, Migration and Domestic Service. London/New York 1999, 117-133
Dies./Phizacklea, Annie: Migrant Domestic Workers. A European Perspective. Report for the Equal Opportunities Unit. Commission of the European Communities. Mai 1997
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