Zum VerhŠltnis von materieller und immaterieller Arbeit

Stefan Meretz, Berlin

7 Thesen zum Forum Arbeit & Migration der temporären assoziation 'jeder Mensch in ein Experte', AG Kritik und Krise der Arbeit, Hamburg 20.-22.6.2002, online: http://www.opentheory.org/im-materiell/text.phtml

1. Das Begriffspaar materiell/immateriell ist geeignet, eine Veränderung der Tätigkeiten in der Arbeit zu fassen: Jede Tätigkeit zeichnet sich durch ein bestimmtes, historisch sich veränderndes Verhältnis von materiellen und immateriellen Anteilen aus. Der Begriff ist damit angemessener als die traditionelle Entgegensetzung von Hand- und Kopf-Arbeit (vgl. Meretz/Schlemm 2001).

2. Das Begriffspaar materiell/immateriell ist nicht geeignet, ökonomische Veränderung der kapitalistischen Produktion zu untersuchen. So ist es z.B. irreführend, in der immateriellen Arbeit "die neue Dominante in der Wertschöpfungskette" (Möller 2002) zu verorten: Vom Verhältnis materieller-immaterieller Arbeit kann nicht auf den "Wertcharakter" geschlossen werden.

3. Um die Rolle im Verwertungsprozess zu begreifen, ist der Begriff der produktiven/unproduktiven Arbeit geeigneter. Er fasst die Rolle von Arbeit im erweiterten Reproduktionszyklus des Kapitals, den Marx auf die Formel G-W-G' brachte. Ist Arbeit konstitutiver Beitrag zum G', so ist sie produktiv; ist sie Abzug davon, so ist sie unproduktiv (vgl. Kurz 1995, Mausebär 2002).

4. Das Attribut "unproduktiv" bedeutet nicht, dass auf diese Arbeit für die Wert-Verwertung verzichtet werden könnte. Es handelt sich um notwendige Arbeiten, die zur Realisierung des Werts als Tauschwert unabdingbar sind, obwohl sie selbst diesen zum Teil verzehren.Unproduktive Arbeit muss sich stets auf produktive Arbeit beziehen, sie ist nicht "selbsttragend".

5. Jede Arbeit mit einem je spezifischen Verhältnis materieller und immaterieller Tätgkeiten kann kapitalproduktiv oder -unproduktiv sein. Von der (erweiterten) Reproduktion des Kapitals durch Arbeit abzuheben sind solche Tätigkeiten, die der Reproduktion der Individuen dienen – missverständlich oft als "Reproduktionsarbeit" bezeichnet. Diese von der Wertverwertungssphäre "abgespaltenen Tätigkeiten" unterliegen einer anderen Logik, werden jedoch von der Verwertungslogik überformt und durchdrungen (vgl. Scholz 2000).

6. Entlang der Sphärenspaltung erfolgt die geschlechtliche/sexistische und überlagert auch rassistische Zuweisung der Tätigkeiten: Die sorgenden, putzenden, reproduktiven Tätigkeiten der armen / schwarzen / Frau; die kreativen, symbolischen, produzierenden Tätigkeiten dem reichen / weissen / Mann. In der "Grauzone" zwischen beiden Sphären bewegen sich die informellen Arbeitsverhältnisse von MigrantInnen und anderen von formaler Arbeit Ausgeschlossenen.

7. Jede individuelle Reproduktion im Kapitalismus reproduziert diesen auch – unabhängig, ob durch formelle oder informelle Arbeit. Gleichzeitig gibt es keine Emanzipation durch Arbeit, sondern nur von Arbeit. Dieser Widerspruch ist auszuhalten. Kriterium, ob ein Ziel "richtig" oder "falsch" ist, kann nicht die Form der Arbeit sein. Kriterien müssen sein: Macht uns das angestrebte Ziel handlungsfähiger oder nicht. Und: Reduziert es die instrumentelle Macht (potestas) zugunsten der kreativen Macht (potencia) – dies nicht nur gegenüber den Herrschenden, sondern auch unter uns (vgl. Holloway 2002).

Literatur:

Kurz, R. (1995), Die Himmelfahrt des Geldes, in: Krisis 16/17
Holloway, J. (2002), Zwšlf Thesen Ÿber Anti-Macht
MausebŠr (2002), Produktive Arbeit und Krise Ð Krise und Zusammenbruch bei Karl Marx und der Gruppe "Krisis"
Meretz, S., Schlemm, A. (2001), Zwischen Selbstverwertung und Selbstentfaltung
Mšller, C. (2002), Immaterielle Arbeit Ð die neue Dominante in der Wertschšpfungskette
Scholz, R. (2000), Das Geschlecht des Kapitalismus, Bad Honnef: Horlemann Verlag.

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