Putzen im Akkord - Neue Wege
Artikel aus "Der Grundstein" vom Januar 2002 von Charlotte Schmitz
Mit jedem neuen Bürogebäude wächst der Arbeitsmarkt für Reinigungskräfte. Doch die Zukunfstbranche setzt auf Billigjobs. Beschäftigt werden meist ungelernte ausländische Arbeitskräfte, überwiegend Frauen, zu niedrigen Tarifen. Die IG BAU (Bauen-Agrar-Umwelt) geht neue Wege, um sie zu organisieren und die Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Marina putzt jeden Tag 30 Büros. In zwei Stunden. Das sind vier Minuten für jedes Büro. Vier Minuten, um über Telefonhörer, Schreibtisch und Fensterbank zu wischen, den Aschenbecher zu leeren und die
Mülltüte im Papierkorb zu wechseln. Am Ende mit dem Wischmopp den Flur wienern, an 30 Türen vorbei. Es hat gedauert, bis Marina sich an das Tempo gewöhnte. Jetzt schafft sie alles in zwei Stunden, mit einer Ausnahme - wenn ein arbeitswütiger Büromensch länger bleibt: "Überstunden". Marina zieht das Wort in die Länge wie einen Kaugummi. Dann muss sie ein Büro aussparen, bis es leer ist.
Die 23-jägrige Marina ist vor sechs Jahren aus Russland, "aus Sibirien", wie sie präzisiert, nach Frankfurt gekommen. Sie hat zwei Kinder. Ihr Mann möchte eigentlich nicht, dass Marina arbeiten geht. Doch 630 DM mehr im Monat sind ein starkes Argument.
Marina ist eine von rund 750.000 GebäudereinigerInnen in Deutschland. Von der IG BAU hat sie noch nie etwas gehört, doch das kann sich bald ändern. Für die Gewerkschaft ist es entscheidend, die GebäudereinigerInnen als Mitglieder zu gewinnen, denn die Branche boomt. In den vergangenen beiden Jahren hat die Zahl der GebäudereinigerInnen um 45.000 zugenommen. Das liegt nur zum Teil am "Outsourcing", der Fremdvergabe der Reinigung. Weiterhin werden in den Großstädten neue Büroviertel aus dem Boden gestampft. Jeder neue Quadratmeter Büro bedeutet neue Jobs in der Gebäudereinigung. Wenn die IG BAU die Reinigungskräfte in großer Zahl organisieren kann, dann läßt sich die Strategie auf andere Bereiche übertragen, denn die Bedingungen, wie etwa im Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau, sind ähnlich: Viele Reinigungskräfte sind Frauen, viele von ihnen stammen aus dem Ausland und sprechen nur wenig Deutsch.
Gebäudereinigung ist ein Ausbildungsberuf, doch die wenigsten Reinigungskräfte haben ihn erlernt. Die Löhne liegen am unteren Ende der Skala. Zwischen elf Mark brutto pro Stunde in Ostdeutschland und 15 Mark im Westen beträgt durchschnittlich der Ecklohn B für die einfachen Reinigungskräfte. Bisher sind im Durchschnitt weniger als zehn Prozent der GebäudereinigerInnen Mitglieder der Gewerkschaft.
Andreas Wittig, beim IG BAU-Bundesvorstand Branchensekretär für Facility Managment und Gebäudereinigung, kennt alle Probleme der Branche: die hohe Fluktuation, die befristeten Arbeitsverträge, die geringfügige Beschäftigung und die Tendenz, Aufträge an Sub- oder Sub-Subunternehmen zu vermitteln. Er weiß, dass so manche ausländische Reinigungskraft keine gültigen Papiere hat und deshalb jeden Kontakt mit Institutionen scheut, also auch mit Gewerkschaften nichts zu tun haben will. Ein weiteres Problem der IG BAU: Reinigungskräfte sind nicht in einem Betrieb anzutreffen, sondern in stets wechselnden Objekten tätig, die es aufzuspüren gilt.
Hundert Betriebsräte mehr
Wittig kann aber auch Erfolge der Gewerkschaftsarbeit aufzählen: In Großstädten, wie Frankfurt, Köln oder Berlin, sind Hauptamtliche aktiv, die selbst aus der Türkei oder Jugoslawien stammen. Sie gewinnen schnell das Vertrauen ihrer Landsleute in den Reinigungsfirmen. Auch die Ansprache der Reinigungskräfte in Großbetrieben funktioniert gut. Andreas Wittig setzt dabei auf Kontakte zu den Betriebsräten der Auftraggeber. Wenn etwa ein Bankgebäude gereinigt wird, bietet der Betriebsrat der Bank oft den besten Zugang zu den Reinigungskräften, obwohl diese in der Regel "outgesourct" bei einer Fremdfirma beschäftigt sind.
"Mit wenigen viele ereichen", fasst Irmgard Meyer, Bundesvorstandsmitglied der IG BAU, ihre Strategie zusammen. In ihren Vorstandsbereich fällt die Gebäudereinigung. Meyer hat sich für die laufende Wahlperiode ein klares Ziel gesetzt: "Hundert Betriebsräte mehr!". Dazu setzt Meyer auf Direktansprache. Vorrangig sollen die Beschäftigten der Großbetriebe für die Gewerkschaft gewonnen werden. Informationsbroschüren und Tarifverträge werden jetzt auf Türkisch, Griechisch und Serbo-Kroatisch übersetzt, um ausländische Beschäftigte zu erreichen.
Weiterbildung überflüssig?
Sylvia Honsberg, Bundesfrauensekretärin der IG BAU, hat eine Initiative gestartet, um vor allem Schichtführerinnen und Objektleiterinnen, die für die Reinigung mehrerer Gebäude verantwortlich sind, zu erreichen. "Die sind in einer Sandwich-Position eingeklemmt zwischen Geschäftsleitung und Mitarbeiterinnen". Meist arbeiten sich die Frauen in diese Stellung hoch ohne eine spezielle Weiterbildung. Die Arbeitgeber würden befürchten, dass qualifizierte Frauen schnell die Firma wechseln, meint Sylvia Honsberg. Außerdem sei die Annahme weit verbreitet, "Frauen würden mit einem Putzgen geboren, also Weiterbildung überflüssig", kommentiert sie. Jetzt entwickelt die IG BAU Seminare über "Zeitmanagment" oder "Konfliktlösung". Über den Kontakt bei den Seminaren wird es einfacher sein, sie als IG BAU-Mitglieder zu gewinnen, hofft die Bundesfrauensekretärin. Wenn erst die Objektleiterinnen in der IG BAU organisiert sind, werden auch die einfachen Reinigungskräfte folgen, glaubt sie.
Wie erfolgreich Gewerkschaftsarbeit in der Reinigungsbranche sein kann, zeigt das Beispiel Berlin. Dort hat die IG BAU durchgesetzt, dass eine "Prüf- und Beratungsstelle" die Einhaltung des Tarifvertrages überwacht. IG BAU und die Gebäudereinigerinnung tragen die Prüf- und Beratungsstelle gemeinsam. Arbeitnehmer, die weniger als den Berliner Ecklohn B von 15,30 DM bekommen, können sich bei der Prüfstelle beschweren. Diese fordert dann eine Unterlassungserklärung der Geschäftsleitung ein. Falls das nicht fruchtet, kann der unterbezahlte Arbeitnehmer seinen Rechtsanspruch an die Prüfstelle abtreten. Der Vorteil: die Prüfstelle streckt den fehlenden Lohn vor und führt den Rechtsstreit. Die Prüfstelle hat die Macht, mit Sanktionen gegen die Tarifbrecher vorzugehen.
Hivzi Kalayci von der Berliner IG BAU ist zufrieden: "Der Staat war mit der Überwachung der Tarifverträge überfordert." Die Prüfstelle ist seit ihrer Gründung im Oktober 2000 rund 250 Fällen nachgegangen. 30 bis 40 Arbeitnehmer beschweren sich jeden Monat bei der Prüfstelle. Die IG BAU hat dafür gesorgt, dass die Prüfstelle bei Berliner Gebäudereinigern bestens bekannt ist. Vier Monate lang wurde informiert: "Die Prüf- und Beratungsstelle gibt es nur, weil die IG BAU sich dafür stark gemacht hat." Die Zahl der Neueintritte ist seither steil in die Höhe gegangen. "Wir liegen jetzt bei der Mitgliederzahl vor dem Bauhauptgewerbe", erklärt Kalayci stolz.
Wie schnell die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder wachsen kann, zeigt auch das Beispiel des Frankfurter Flughafens. Dort teilen sich fünf Firmen die verschiedenen Reinigungsaufgaben: Auf dem Vorfeld, in den Flugzeugen, in den exclusiven VIP-Hallen und im Passagierbereich. Die IG BAU hat bis zu 85 Prozent der Beschäftigten dieser Firmen organisiert. Meydan Simsek, Betriebsratsvorsitzender der GCS (Gesellschaft für Cleaning Services mbH), erkärt: "Wir sind 550 Kollegen aus 14 Nationen, darunter zehn Deutsche." Die GCS-Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Passagiere stets blank gewienerte Gänge und propere Toiletten vorfinden. Sieben Kilometer läuft ein Reiniger pro Arbeitstag, noch dazu den schweren Wagen mit den Putzeimern vor sich herschiebend, hat Simsek ausgerechnet. Dafür verdient ein einfacher Reiniger gerade mal 1700 DM netto, muß aber Top-Arbeit leisten. Wenn sich Passagiere beschweren, dass eine ausgelaufene Coladose den Gang verklebt, ist schnell eine Abmahnung drin. Für harte Arbeit wenig Lohn und dann noch Ärger beim geringsten Anlass: "Da sind die KollegInnen natürlich wenig motiviert," sagt Simsek. Der Krankenstand unter den Reinigungskräften liegt bei neun Prozent. Simsek kämpft dafür, dass gute Arbeit auch gut entlohnt wird. "Ohne Gewerkschaft kann man nichts erreichen", hat er in seinen 17 Jahren als Gebäudereiniger am Flughafen gelernt.
Heute hat die IG BAU einiges erreicht: Für die GCS-Beschäftigten gibt es einen Gesundheitscheck während der Arbeitszeit. Ausländische KollegInnen bekommen Deutschkurse. Der Lohn liegt mit 15,53 DM (ab April sogar 16,02 DM) deutlich über dem Bundesdurchschnitt.
Für die Fahrt zum Flughafen, etwa 20 Minuten außerhalb der City, bekommen die GebäudereinigerInnen ein "Jobticket".
Die IG BAU stärken
Der Frankfurter Flughafen ist mit 66.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber Hessens, Tendenz weiter steigend. IG BAU-Sekretär Jürgen Rümmler, der für die GebäudereinigerInnen im Rhein-Main-Gebiet zuständig ist, steht am Panoramafenster des Terminals und weist auf schwere amerikanische Transportmaschinen. "Die US-Airbase wird bald geschlossen, dort wächst ein neues Dienstleistungszentrum." Zehntausende neuer Arbeitsplätze werden entstehen, auch im Reinigungsgewerbe. Deshalb ist Rümmler entschlossen, die IG BAU am Flughafen weiter stark zu machen. Die Voraussetzungen sind günstig: "Hier kann ich auch mal 20 Mann bei der Frühstückspause gemeinsam ansprechen", erklärt Rümmler. Weil der Betrieb 24 Stunden am Tag läuft, sieben Tage die Woche, treffen Warnstreiks die Geschäftsleitung besonders empfindlich.
Wenn solche Initiativen, wie die in Frankfurt und Berlin, Schule machen, wird auch Marina bald den IG BAU-Mitgliedsausweis in der Tasche tragen.