Frauen als Pioniere globalisierter Wirtschaftsbeziehungen - eine neue Perspektive für die Migrationsforschung
Ausschnitt aus "Geschlecht, Ethnizität, Profession - Die neue Dienstmädchenfrage im Zeitalter der Globalisierung" von Helma Lutz, Münster, im März 2000
Eine Analyse der Globalisierung der Arbeitsmärkte am Anfang des 21. Jahrhunderts macht deutlich, dass angesichts des breiten Angebots Arbeitgeber deutliche Forderungen stellen können in Bezug auf Bildungsstand und Kompetenzen des Bediensteten. So zeigt eine kanadische Studie, dass Agenturen, die domestic helpers anwerben und vermitteln, Philippininnen bevorzugen, die bereits in Hong Kong als Hausangestellte tätig waren und dort den gewünschten "Schliff" erhielten, das heißt, ihre Englischkenntnisse verbesserten und in die Geheimnisse der modernen Haushaltsführung eingeweiht wurden (Bakan-Stasiulis, 1995). Von der hierarchischen Organisation des Weltmarktes profitieren die westlichen Arbeitgeberinnen.
Die Tatsache, dass heute Tausende von osteuropäischen Akademikerinnen in westeuropäischen Haushalten "dienen", wird von Friese (1995) als Ergebnis eines erneuten Entwertungsprozesses weiblicher Bildung gewertet. Die Migrationsforschung spricht hier von brain-drain - dem "Bildungsleerlauf" der Herkunftsländer -, der sich in den Aufnahmeländern in brain-waste - "Bildungsverschwendung" - verwandelt. Dass Ingenieurinnen, Ärztinnen oder Rechtsanwältinnen, die in ihren Ländern vom Arbeitsmarkt vertrieben werden, im Rückgriff auf ihre angeblich "natürlichen Fähigkeiten" zwar zum Überleben ihrer Familien beitragen, kann für sie gleichzeitig zur Falle werden.
Der Nachdruck liegt hier allerdings auf "kann", denn die Studie von Irek Malgorzata (1998), die Anfang der 1990er Jahre die Rolle der polnischen Arbeiterinnen für den informellen Berliner Arbeitsmarkt untersuchte und dabei Gespräche mit 300 Putzfrauen führte, weist daraufhin, dass diese Frauen sich keineswegs nur den schlechten Lebensbedingungen gebeugt haben, sondern dass sie sich oft zu Privatunternehmerinnen entwickelten, die ihre eigenen hierarchischen Netze aufbauten, ihre "Landsmänninnen" ausbeuteten und in Polen zu Kleinunternehmerinnen wurden. Zu dem jüngsten polnischen Wirtschaftswunder haben diese Frauen einen unschätzbaren Beitrag geleistet. Sie sind also keineswegs in dem Land geblieben, in dem sie - in ihren eigenen Worten - "Sklavenarbeiten" verrichten mußten, Arbeiten, von denen die Daheimgebliebenen nichts wissen durften. Sie haben diese Tätigkeiten als eine transformative, vorübergehende und als Hilfsmittel für ein Ziel betrachtet. Nicht selten legitimierten sie ihre Tätigkeit auch damit, dass sie die Arbeit in Polen unbezahlt für ihre Ehemänner verrichten müßten, während sie dafür in Berlin bezahlt würden.
Einige Forscherinnen betonen darum die Notwendigkeit, die betreffenden Frauen nicht als passive Wesen, als Opfer oder als strukturgeleitetet Marionetten zu begreifen, sondern als agents of change. Sie sind, so schreibt etwa Mirjana Morokvasic (1991,1993), Pionierinnen, die Grenzen überwinden und eine enorme Mobilitäts- und Risiokobereitschaft haben, die auf diese Weise Sende- und Aufnahmeländer verbinden und einen "new global migration space", einen globalen Migrationsraum kreieren. Sie tragen nicht allein zum Unterhalt ihrer Familien bei, sondern auch zur Transnationalisierung von Lebensstilen und zur Vervielfältigung von Konsum und Kommunikation.
Ninna Nyberg Sörensen (1999) hat in ihrer Untersuchung über Hausangestellte aus der Dominikanischen Republik in New York und Madrid einen solchen transnationalen Lebensraum beschrieben. Diese Frauen spannen ein ökonomisches, kommunikatives und mentales transatlantisches Netz zwischen ihrer Heimat, dem "gelobten Land" USA und dem Ausweichquartier Spanien. Verschärfte Grenzkontrollen und Zulassungsbeschränkungen führen nicht etwa zur Aufgabe von individuellen und familialen Projekten, sondern zur Suche nach neuen Zwischenquartieren und zur Erweiterung der Aktionsradien. In den krisengeschüttelten Regionen der Erde ist der Begriff "Planung" ein Fremdwort - aber es gibt opportunities, irgendwo anders. Die Tatsache, dass weibliche Sozialisation auch in einem Training zur Flexibilität, zum Ertragen von Demütigungen und sozialem Abstieg besteht, scheint gerade Frauen die Entschedung zur Wanderung zu erleichtern. Die Feminisierung der Migration vollzieht sich darum vorrangig im privaten Dienstleistungssektor. Die größere Reichweite der Bewegungen lassen sich aber nicht mit den herkömmlichen nationalstaatlich orientierten Kategorien erfassen.