Dienstmädchenfrage

Putz- und Pflegedienste sowie Sexarbeit: Zwei Tätigkeitsfelder, die klassisch von Frauen erledigt werden, mitt-lerweile meist von Migrantinnen, die oft illegalisiert in Deutschland leben und arbeiten. Froh, überhaupt eine Arbeit gefunden zu haben, laufen sie gleichzeitig Gefahr, übelste Bedingungen vorzufinden. Zwar ist frau im Haushalt als privatem Raum weitgehend geschützt vor dem Zugriff der Ausländerpolizei, gleichzeitig aber der Willkür der ArbeitgeberInnen ausgesetzt.

Die Gefahr von Belästigung und sexueller Gewalt ist gro¤, denn diese findet überall auf der Welt am häufigsten im privaten häuslichen Bereich statt. Sich zur Wehr zu setzen, ist nicht nur relativ aussichtslos, da die Beweislast auf Seiten des Opfers liegt, sondern hat mit der Offenlegung zudem die Abschiebung zur Folge. Der Arbeitsbereich der Prostitution wiederum ist prädestiniert dafür, mit Razzien überzogen zu werden - wie jüngst in Frankfurt - da sich in dieser von Gesetzes wegen halblegalen Welt viele kriminelle Machenschaften abspielen, an der sich vor allem diejenigen gesundsto¤en, die noch keinen einzigen Freier bedient haben. Vor allem die illegalisierten Frauen sind die Leidtragenden dieser Razzien-Politik, sie werden ausgewiesen und wenn möglich abgeschoben. Viele Frauen wissen um Bedingungen und Risiken, sie entscheiden sich dennoch bewu¤t für diese Migrationsstrategien (1). Eine Frau, die sich hier als Haushaltshilfe durchschlägt, formuliert es so: "Auch wenn die Arbeit hart ist und du kaum etwas verdienst, ist es hier immer noch besser als zu Hause. In Marokko als Hausmädchen zu arbeiten, ist die Hölle." Die Motivationen der Frauen sind sehr unterschiedlich. Manche wollen nur für eine bestimmte Zeit hier arbeiten, um ihre ökonomische Situation im Herkunftsland zu verbessern. Andere hoffen, sich hier zum Beispiel über eine Ehe ein besseres Leben aufzubauen. Häufig ist die Verantwortung für die Familie, insbesondere die Kinder eine der Triebfedern für die Migration von Frauen. Viele Frauen sind alleinerziehende Mütter, die Väter haben sich jeglicher Verantwortung und finanziellen Versorgung entzogen. Und manche wollen einfach der Enge patriarchaler Familienstrukturen entkommen oder bessere Einkommensbedingungen suchen. Helma Lutz sagt in ihrem Text "Die neue Dienstmädchenfrage im Zeitalter der Globalisierung": "Einige Forscherinnen betonen darum die Notwendigkeit, die betreffenden Frauen nicht als passive Wesen, als Opfer oder als strukturgeleitete Marionetten zu begreifen, sondern als agents of change.

Pionierinnentum

Sie sind, so schreibt etwa Mirjana Morokvasic, Pionierinnen, die Grenzen überwinden und eine enorme Mobilitäts- und Risikobereitschaft haben, die auf diese Weise Sende- und Aufnahmeländer verbinden und einen new global migration space kreieren. Sie tragen nicht allein zum Unterhalt ihrer Familien bei, sondern auch zur Transnationalisierung von Lebensstilen und zur Vervielfältigung von Konsum und Kommunikation." (2) Gemein ist beiden Arbeitsbereichen, der Haus- wie der Sexarbeit, die gesellschaftliche Abwertung. Die Prostitution ist bislang noch nicht einmal als Arbeit anerkannt. Möglicherweise nimmt der Gesetzgeber absehbar änderungen vor, so dass der Vertrag zwischen Prostituierter und Freier nicht mehr sittenwidrig ist und die Prostituierte sich kranken- und sozialversichern kann.

Halbfeudale Verhältnisse

Das ist zwar schon eine gro¤e Errungenschaft, aber allein dadurch lässt sich weder die Doppelmoral abstellen noch gereicht es dazu, dass Migrantinnen ein Aufenthalts- und Arbeitsrecht erhalten. Dennoch ist die Abschaffung der Sittenwidrigkeit die Grundlage dafür, überhaupt eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für Prostituierte vergeben zu können. Bei den Hausangestellten handelt es sich nicht selten um ein halbfeudales Arbeitsverhältnis, wenn die Bezahlung weniger durch Geld sondern mehr durch freie Kost und Logis erfolgt. Das Abhängigkeitsverhältnis gleicht dem zwischen HerrIn und Magd. Der dauernde Zugriff auf die Arbeitskraft der Hausangestellten ist garantiert, wenn sie dort wohnt. Eine gro¤e Gruppe von Frauen arbeitet stundenweise in verschiedenen Haushalten, Büros etc. Das bedeutet für sie ständiges Wechseln des Arbeitsplatzes, ein anstrengendes Geflecht von verschiedenen Abhängigkeiten, ständige Neuorganisation der Arbeit, teilweise weite Wege. Eine Interessenorganisierung erscheint wegen des illegalen Status, der Vereinzelung und Isolation besonders schwierig, wenngleich es, europaweit, einige erfolgreiche Ansätze gibt (3). Die gegenwärtige Situation von illegalisierten Hausangestellten und Prostituierten ist geprägt von weitgehender Rechtlosigkeit. Demgegenüber wäre eine Greencard Regelung in dem Sinne, da¤ mit dem Arbeitsplatz ein zumindest vorübergehender Aufenthaltsstatus verbunden ist, für die Frauen ein nicht unbedeutender Fortschritt. Nicht zuletzt würden in diesen Branchen ganz neue Möglichkeiten der Interessensvertretung geschaffen, auch dann und für diejenigen, die von einer Legalisierung ausgeschlossen blieben. Eine Greencardforderung sollte zudem die Perspektive auf einen Daueraufenthalt sowie die Möglichkeit des Familiennachzugs einbeziehen. Jede Forderung nach Greencards folgt zweifellos der utilaristischen Logik des Arbeitsmarktes. Dass der Staat allenfalls solchen Personen Rechte gewähren will, die ihm nützlich erscheinen, mu¤ weiterhin kritisiert und kann zu Recht als Leistungsrassismus bezeichnet werden.

Greencard für Prostituierte

Doch die Forderung entspricht den Bedürfnissen und Möglichkeiten vieler betroffener Frauen, sie ńspieltî realpolitisch mit der aktuellen Debatte, sie thematisiert aufenthalts- und arbeitsrechtliche Mindeststandards auch für diese nichtöffentlichen Arbeitsbereiche. Dies komplett zu ignorieren und mögliche Fortschritt im Vergleich zur bestehenden Situation nicht zu sehen, kann allerdings nur die arrogante Position derer sein, die sich nicht selbst in einer solchen Lage befinden. Eine Greencard- Regelung für Hausangestellte und Prostituierte wäre in jedem Fall Ausdruck einer Anerkennung dieser Arbeiten. Es gibt einen Bedarf an Arbeitskräften in diesen Bereichen und es kann nicht darum gehen, diesen moralisch zu verurteilen oder als notwendiges übel abzutun. Sicherlich könnten sich viele Frauen eine andere angenehmere, körperlich nicht so anstrengende Arbeit vorstellen. Sie sehen sich gezwungen aufgrund fehlender Chancengleichheit, der Abwertung ihrer erworbenen Qualifikationen und der ausländerrechtlichen Restriktionen, in diesen Bereichen ihr Geld zu verdienen. Diese Migrationsstrategien von Frauen sind aber eine soziale Realität und im Rahmen dessen gilt es für faire Arbeitsbedingungen, Mindestlöhne, Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung sowie Legalisierungen zu kämpfen. Auch denjenigen, die schon hier sind, sollte es möglich sein, sich über einen Arbeitsvertrag zu legalisieren oder über Amnestieregelungen wie es sie in vielen anderen europäischen Ländern gibt. Ein enormes Lohngefälle macht selbst schlecht bezahlte Arbeitsplätze hier noch interessant. Ohne an diesen ausbeuterischen Bedingungen etwas beschönigen zu wollen, halte ich es für wichtig, die Strategien der Frauen zu respektieren. Denn diese frauenspezifischen Migrationsstrategien beinhalten oft auch eine Form des Widerstands von Frauen gegen die Verhältnisse, in denen sie leben. Mit Kreativität, Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen, Mut und gro¤er Flexibilität nutzen sie die Kommunikations- und Transportstrukturen der High-Tech-Gesellschaft und ziehen dorthin, wo sie sich bessere Lebens- oder Verdienstverhältnisse erhoffen.

Sommer 2001 | Judith Rosner (agisra e.V.)

1. Bezüglich der Prostitution beziehe ich mich hierbei auf die Gruppe von Frauen, die sich für diese Arbeit entschieden haben und nicht dazu gezwungen wurden. Auf Grund der weltweiten ökonomischen Ungleichheit soll diese selbstbewusste Entscheidung nicht mit Freiwilligkeit verwechselt werden. [zurück]
2. aus Helma Lutz: Die neue Dienstmädchenfrage im Zeitalter der Globalisierung, iks-Münster, März 2000 [zurück]
3. Selbsthilfeorganisationen aus mehreren Ländern haben sich in RESPECT zusammenge-schlossen, einem europäischen Netzwerk mi-grantischer HausarbeiterInnen [zurück]

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