Justice for Janitors
Maya ist eine junge Mexikanerin, die voller Hoffnung auf ein besseres Leben, die Grenze nach Kalifornien überquert. Schlepper helfen ihr über die Grenze, sie kommt in Los Angeles an, und findet sogar einen Job: Nachts putzt sie die Büros der Hochhaustürme. Löhne und Arbeitsbedingungen sind skandalös, doch meisten der illegalen EinwandererInnen fügen sich ihrem Schicksal.
"Bread and Roses", der neue Film von Ken Loach, der im Herbst auch in Deutschland in die Kinos kommt, handelt von einer Kampagne, die im vergangenen Jahr die New Economy der USA überrollte: "Justice for Janitors" kämpft für bessere Arbeitsbedingungen der Putzleute. Es begann im Frühjahr 2000 in Los Angeles mit einem wochenlangen Streik von mehreren Tausend Putzleuten.
Im Schatten der New Economy
Während die Janitors jeden Tag auf den Stra¤en von Downtown L.A. demonstrierten und mit "Picketings" die Eingänge zu den Bürotürmen blockierten, quollen in den Hauptquartieren der High-Tech und Entertainment-Industrie die Mülleimer über. Die Hochglanzfassade spiegelte auf einmal den Schmutz von elenden Arbeitsbedingungen und ruchloser Profitsucht, auf denen der Boom der 90er Jahre aufgebaut war: Riesige Gewinnspannen, die durch ein perfides System von "Unterverträgen" und einen Angriff auf die Rechte der überwiegend migrantischen Arbeitskraft in den Dreckjobs im Schatten der "New Economy" realisiert wurden. Die Janitors von Los Angeles erkämpften sich in wochenlangen, harten Auseinandersetzungen eine gewaltige Erhöhung ihrer Stundenlöhne, die bislang nur einen Bruchteil des US-Durchschnitts ausgemacht hatten. Was aber wesentlich mehr zählte, war die Würde und der Stolz, den sich die Janitors zurückeroberten: In 16 Städten der USA kam es den ganzen Frühsommer über zu Arbeitskämpfen, an denen sich über 100.000 Putzleute beteiligten. In diesem Jahr wird die "Justice for Janitors" Kampagne schwerpunktmä¤ig an der Ostküste geführt: Von den Putz-und Sicherheitskräften, die an der Harvard Universität wochenlang und mit Unterstützung der Studierenden kämpften, bis hin zur bislang härtesten Auseinandersetzung in Balitmore, Philadelphia und Nord-New Jersey. Bei "Justice for Janitors" geht es um nichts weniger als eine zeitgemä¤e Bestimmung gewerkschaftlicher Arbeit in Zeiten von Entgarantisierung, überausbeutung und ethnischer Segmentierung des Arbeitsmarktes. "Justice für Janitors" bedeutet gewerkschaftliche Organisierung an der Basis und in der Community, neue Kampf- und Auseinandersetzungsformen, und zu allererst die Wiederbelebung einer alten Parole: Gleiche Rechte für alle!
Mühsame Kleinarbeit
Valery Rey Alzaga ist eine der Gerwerkschafterinnen, die "Justice für Janitors" vor 16 Jahren in Denver starteten. "Wir kamen alle aus Lateinamerika", erzählt sie "und waren stark beeinflusst von der Arbeit der Basisgruppen dort. Mit dem vorherrschenden Bild der US-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung in den 80er Jahren gab es wenig Gemeinsamkeiten. Gewerkschaften der Dienstleistungsindustrien, die anstatt die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten, diesen bestenfalls eigene Dienstleistungen anzudrehen versuchten. In den 80er Jahren hatten die Gewerkschaften, unfähig die Basis zu organisieren, fast alle ihre Macht verloren. In Los Angeles, erzählt Valery, sei der Stundenlohn von 10 Dollar 60 auf 5,75 Dollar gedrückt worden. "Die Arbeiter waren jeder Fähigkeit beraubt, ihre Löhne zu verteidigen. Es war eine schreckliche Situation." Die kleine Gruppe in Denver begann zu diskutieren, wie Gewerkschaftsarbeit neu zu bestimmmen sei. "Wer sind denn eigentlich die Leute, die wir an der Basis zu organisieren haben? Wie muss eine solche Organisation aussehen, und die Kritik am Gewerkschaftsapparat?" Alles begann in mühsamer Kleinarbeit: "Wir sagten: Gehen wir an die Arbeitsplätzen und erklären wir den Leute, warum sie sich organisieren sollen und dass sie sich selbst organisieren sollen! Und dann klopften wir an die Haustüren der Leute. Wenn sie meinten, sie wollten nicht mit uns sprechen, sind wir am nächsten Tag wiedergekommen. Irgendwann dann haben wir eine Tasse Kaffee mit ihnen getrunken und über die Probleme am Arbeitsplatz gesprochen." Valerys Gewerkschaft LOCAL SEIU ist die Dienstleistungsgewerkschaft in den USA. Sie vertritt ArbeiterInnen, die sich um die Instandhaltung von Gebäuden kümmern. Also nicht nur die Putzleute, sondern auch Portiers, Fensterputzer, Sicherheitsleute, die alle Teil dieser Industrie sind.
Kampf um elementare Rechte
Am 15. Juni 1990 wurde in Los Angeles eine Demonstration von Putzleuten, die gegen die Arbeitsbedingungen bei einer Vertragsfirma demonstrierten, von Polizeikräften brutal niedergeknüppelt. Die öffentliche Empörung über diesen Vorfall führte dazu, dass der Arbeitgeber ISS gewerkschaftliche Organisierung in seinen Betrieben zulassen musste. Von da an war die "Justice for Janitors"-Kampagne nicht mehr zu stoppen: Der 15. Juni ist heute in ganz USA und vielen Ländern dieser Welt ein Aktionstag in Erinnerung an die Ereignisse 1990. "Wir organisieren die Leute, damit sie gemeinsam kämpfen". Die Organisation von MigrantInnen, besonders von illegalen MigrantInnen, die in den prekären Jobs die gro¤e Mehrheit der Arbeitenden ausmachen, ist schwierig. "Der Kampf geht um elementare Rechte. Wir mussten den Leuten erklären: Wenn du ein Arbeiter bist, interessiert erstmal nicht, welchen Aufenthaltsstatus du hast!" Erst waren es nur ganz wenige, die ihre Angst überwanden und an den Demonstrationen und den Streiks teilnahmen. Langsam aber wurden es mehr. Heute geht es darum, für die sechs Milionen Illegalen in den USA eine Generalamnestie zu erkämpfen. Der Koalition für eine Reform der Einwanderungsgesetze haben sich inzwischen auch gro¤e Gewerkschaften wie die AFL/CIO, die bis vor kurzem als ausgesprochen fremdenfeindlich verschrien waren, angeschlossen. Gewerkschaften in Nordamerika und Europa stehen heutzutage vor einer bedeutenden Entscheidung, sagt Valery Rey Alzaga. "Schliessen sie die MigrantInnen aus, weil sie vermeintlich die Standards attackieren, oder begreifen sie, dass die MigrantInnen Teil des gemeinsamen Kampfes sind."
Sommer 2001 | jeder mensch ist ein experte