Gespenster
Niemand glaubt mehr an Gespenster, und dabei hätte es durchaus seinen Reiz. Sieht es doch auf einmal so aus, als gäbe es einen neuen Spuk - den Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften, der eine neue Einwanderungsdebatte ausgelöst hat. Das Gespenst, das in Europa umgeht, ist das Gespenst des Expertentums.
Es war der zuständige EU-Komissar Antonio Vitorino höchstpersönlich, der im Sommer 2000 eingestand, Europa habe den Kampf um "Nullmigration" verloren. Mindestens 500.000 illegale Einwanderungen pro Jahr haben das Gerede von der Festung Europa zur Farce werden lassen. Vitorinos Vorschlag: Was nicht verhindert, müsse wenigstens gesteuert werden. Als das vielzitierte Boot auf einmal nicht mehr voll sein sollte, kam das Gespenst von den Experten also gerade recht. Dennoch wirkt es, als wü¤te niemand so genau, wer diese Experten überhaupt sein sollen, dafür aber umso besser, wem sie schadeten oder nutzten. Experten seien nützliche MigrantInnen, sagen die einen. Experten seien Lohndrücker, sagen die anderen. Experten würden Renten sichern oder Kindern gut bezahlte Jobs vor der Nase wegschnappen. Die Verwirrung ist gro¤ und nicht einmal eine eigens einberufene Expertenkommission kann für Klarheit sorgen.
Was ist ein Experte?
Die Bundesregierung zum Beispiel glaubt, einen Experten daran erkennen zu können, dass er über 100.000 Mark im Jahr verdienen wird oder wenigstens über ein abgeschlossenes Hochschulstudium verfügt. Experten selbst können über derart verkürzte Darstellungen nur lachen. Denn: Experte werden, ist nicht schwer. In Hyderabad werden Menschen von der Stra¤e weg in wenigen Wochen zu Computer-Experten geschult. Entscheidendes Auswahlkriterium ist für die Personalchefs und Headhunter-Agenturen der "Hunger in den Augen". In USA und Europa arbeiten unzählige Menschen in unterbezahlten Jobs der neuen Dienstleistungsindustrien und bringen sich nach oder während der Arbeitszeit gegenseitig Programmieren bei. Eines ist unbestritten: Experten sind heute auf Feldern tätig, in denen es vornehmlich um Information und Kommunikation geht: Strategische Positionen, auf denen der Tauschwert des Arbeitsproduktes zunehmend irrelevant wird und eine gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit nicht mehr auszumachen ist. Resultat sind krasse Unterschiede in der Entlohnung teilweise identischer Tätigkeiten. Während prekäre Arbeitsverhältnisse hemmungslos um sich greifen, werden gleichzeitig und oft sogar an denselben Stellen Experten gesucht, die sich auf einen selbstbewu¤ten Umgang nicht nur mit Technologie verstehen, die sich zu helfen wissen und bereit sind, dieses Wissen anderen zur Verfügung zu stellen.
Vergesst die Technologie!
Der Rat der Experten lautet nun: "Vergesst die Technologie! Die Zukunft sind wir selbst." Experten sind Menschen, die auf einem gewissen Gebiet eine Vielzahl von Erfahrungen gesammelt haben. Erfahren hei¤t, in unterschiedlichen Zusammenhängen Veränderungen zu erleben. Diese Erfahrungen machen in ihrer Gesamtheit weit mehr als die Summe der einzelnen Ergebnisse aus. Sie drücken eine Fähigkeit aus, sich auf unterschiedliche Situationen einstellen und darin behaupten zu können. Expertentum bedeutet in erster Linie also soziale Auseinandersetzungsbereitschaft. Italienische Linksradikale haben schon in den 70er Jahren prognostiziert, dass auch gewöhnliche ArbeiterInnen und Angestellte bald au¤ergewöhnliche kommunikative und intellektuelle Fähigkeiten entwickeln werden, um den Aufgaben und Herausforderungen gerecht zu werden, mit denen sie innerhalb und au¤erhalb der Arbeitszeit konfrontiert sind. Ein dramatischer Wandel des Arbeitsbegriffs, der Arbeitswelt und der Subjektivität der ProduzentInnen. Schlie¤lich könnte nicht der Sozial-, National- oder Sonstwas-Staat, sondern das kapitalistische Konzept von Lohnarbeit durch die technologischen Entwicklungen und die Migrationsbewegungen in die Krise geraten: eine Krise der Arbeitskraft als Ware. Je weniger bemessbar und berechenbar der Wert einer Tätigkeit ist, je wichtiger für die Produktivität weder kalkulierbare noch erzwingbare noch gar verallgemeinerbare Effekte wie Intuition, Kreativität und Einfühlungsvermögen werden, umso deutlicher wird, was zunächst wie eine übertreibung wirken mag: Jeder Mensch ist ein Experte! Jeder Mensch spezialisiert sich im Laufe eines Lebens, und eben die Vielfalt dieser besonderen Erfahrungen machen Reichtum und Produktivität sozialer Praxis aus.
Globale Freizügigkeit
Gut ist, was nützlich ist; und nützlich ist im Sinne des klassischen Utilitarismus, was grö¤tmögliches Glück für die grö¤tmögliche Anzahl von Menschen herstellt. Allgemeine Freizügigkeit, die im Moment ein Glück für nur wenige darstellt, ist aber nichts, was gro¤zügigerweise oder selektiv gewährt werden könnte. Das Recht auf globale Bewegungsfreiheit ist das Recht der Menschen, selbst zu entscheiden, wo sie leben wollen und wie. Dieses Recht kann nur erkämpft werden, und dieses Recht eignen sich die Menschen in einem fort und aus den verschiedensten Gründen an, die nur sie selbst etwas angehen. Experten werden überall gebraucht und werden sich das Recht nicht nehmen lassen, sich überall dort aufzuhalten, wo es ihnen geboten scheint. Es ist zwecklos, ihren Nutzen beschränken zu wollen, von vorneherein festzulegen, lokal oder temporär zu begrenzen. Jeder Mensch ist ein Experte! bedeutet nicht zuletzt ein global angelegtes Experiment. Es meint die Gesamtheit aller produktiven Praktiken und würdigt deren Verschiedenheit und Einzigartigkeit - und zwar unabhängig von oder im krassen Widerspruch zu ihrer kurzfristigen Verwertbarkeit unter dem Kommando blinder Lohnarbeit.
Sommer 2001 | jeder mesch ist ein experte