New Actonomy

Melbourne, Prag, Nizza, Davos, Quebec, Göteborg, gerade eben Genua und bald Qatar. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als würde eine neue globale Protestgeneration auf den Plan treten, die es ausgerechnet mit der von 1968 auf-zunehmen hat. Lange aber noch kein Grund, sich Illusionen hinzugeben. Die New Actonomy besteht aus einer Vielzahl verschiedenster Aktivitäten.

Die gro¤en sozialen Bewegungen des vergangenen Jahrhunderts wirken ausgelaugt und inhaltlich wie strukturell verbraucht. Die komplexen Zusammenhänge einer immer enger vernetzten globalen ökonomie und immer weiter ausdifferenzierter Lebensverhältnisse wirken immun gegen jegliche Form der Kritik. Das Feld des Politischen ist in Tausende von Einzelbildern zerfallen, und trotzdem bricht sich ausgerechnet in diesem Durcheinander ein Akti-vismus mit neuartigen politischen Artikulations- und Handlungsweisen Bahn. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie äu¤erst flexibel und mit einer taktischen und strategischen Pluralität operieren sowie einen zeitgemä¤en Begriff von Solida-rität und Selbstbestimmung suchen, der unmittelbare und lokale Auseinanderset-zungen mit dem Globalen koppelt oder kurzschlie¤t.

Immaterielle Sabotage

Widerstand kommt immer vor der Macht und Sabotage kommt von Sabot, einem heimlich in die Maschine eingeschleusten Holzschuh, der die Produktion vorübergehend blockiert. Wie der reguläre Streik zielt die Sabotage unmittelbar auf den Profit des Unternehmens ab, um die Erfül-lung bestimmter Bedingungen zu errei-chen. Vor allem dann, wenn Arbeitern das Streikrecht versagt, entzogen oder un-brauchbar gemacht wurde, war Sabotage ein probates, wenngleich illegales Mittel innerbetrieblicher Auseinandersetzungen. In den aktuellen politischen Auseinandersetzung gibt es eine Reihe von Parallelen zur Situation Ende des vorletzten, Anfang des letzten Jahrhunderts. Sabotage steht im radikalen Widerspruch zu repräsentativen Formen der Auseinandersetzungen in den institutionalisierten Kontexten der Arbeiterbewegung. Diese blieben immer auf den Nationalsstaat be-zogen, während gleichzeitig und immer wieder spontane, un- oder gar besser organisierte Formen von Widerstand ein globales Klassenbewusstsein ausdrückten. Ak-tuelle Aktionsformen versuchen eine Neubestimmung von Sabotage als sozialer Praxis und zwar nicht in herkömmlichen, destruktiven Sinne, sondern als eine kon-struktive innovative und kreative Praxis. Diese Konstruktivität ist eine organ- und organisationslose Bewegung in vielen verschiedenen Perspektiven. In einer Bewegung der Bewegungen geht es darum, die verschiedenen Kämpfe miteinander kom-munizieren zulassen, und zwar egal ob sie gerade alt oder neu genannt werden, so sie physikalisch stattfinden und wie sie en-den werden. Es geht um selbstbestimmtes, vernetztes Denken, das ausdrücklich verschiedene Herangehensweisen und Verknüpfungen vorantreibt und sich als soziale Auseinandersetzung unmittelbar auf die Produktionsebene bezieht und konstitutiv ist für einen kollektiven Aneignungspro-zess von Wissen und Macht.

Rules for the New Actonomy

Die Zeit ist abgelaufen für jede Form von Reformismus. Wir leben im goldenen Zeit-alter von unwiderstehlichem Aktivismus. Beschleunige deine Politik! Setz dir ein Ziel, das innerhalb von drei Jahren erreicht und innerhalb von 30 Sekunden formuliert werden kann. Geh raus und mach es! Verzweifele bloss nicht! Krieg dein verdammtes Vorhaben auf die Reihe, und schlag los! Widerstand muss auf den ersten Blick verführerisch sein. Die moralischen Schutzwälle des globalen Kapitalismus sind löchrig wie nie zuvor, die Konzerne ge-schwächt durch ihre endemisch verbreiteten, schmutzigen Geschäfte, verrückt nach nichts anderem als Profit. Je schneller die Verhältnisse sich ändern, desto radikaler müssen wir vorgehen. Die zuletzt liberal-grüne Idee eines Kapitalismus, der von innen heraus verändert werden könnte, hat sich ein für alle Mal erledigt. Nicht weil die Vorreiter des éDritten Weges‚ Verrat an der guten Sache begangen hätten. Nein - einfach deswegen, weil deren Projekt die Zeit verloren hat. Globale Systeme befinden sich in einem Zustand permanenter Revolution, ebenso wie subversive Politik. Niemand kann da mehr mithalten, weder Konzerne und erst recht nicht Institutionen. Längst ist es zu spät für dezente Planungen, weil es die Zeit ein-fach nicht mehr gibt, die allein für das Einbringen eines Planes notwendig wäre. Diese Tatsache hat die Baby-Boomer-Generation zu solchen Kontroll-Freaks mutieren lassen. Politik ist reduziert auf Panikreaktionen.

Panikreaktionen

Zukunft wird andauernd neu definiert und neu verhandelt. Globale Systeme sind in einem flüssigen Zustand zwischen Revolution und Reaktion - ebenso wie subversive Politik. Die Gesellschaft ändert sich viel schneller, als irgendeine seiner Institutio-nen dies vertragen könnte. Kurz: Niemand kann mehr mithalten und genau hierin liegt der Wettbewerbsvorteil der mobilen, vernetzten Aktivisten von heute. Anstatt nun über das Verschwinden der Po-litik, des öffentlichen, der Revolution etc. zu jammern, konzentrieren sich Aktivisten von heute auf das schwächste Glied in der Kette, das schlie¤lich die gesamte Stärke eines Systems ausmacht. Dies ist der Punkt, an dem sich das Konzern-Image in der wirklichen Welt materialisiert, allgegenwärtig und abstrakt wird. Schlie¤ die Allgemeinplätze über den Widerspruch von Realem und Virtuellem kurz! Auf zu etwas anspruchsvollerer Dialektik! Alles hängst sowieso irgendwie zusammen, und die Macht regelt erbarmungslos den Zugang zu den Ressourcen. Wirf eine Torte, schreib ein Programm! Besuch die Aktionärsversammlung, aber mach dich zuerst kundig. Was zählt ist der Schaden auf dem Feld des Symbolischen, gleich ob real oder virtuell.

Rigorose Vernetzung

Die New Actonomy besteht aus Tausenden von kleinen und kleinsten Aktivitäten, die alle für sich selbst genommen äu¤erst be-deutsam, selbst organisiert und selbstver-ständlich nachhaltig sind. Hierfür brauchen wir keinen Generalplan oder eine hübsche Startseite - erst recht keine Partei oder Organisation. Es reicht völlig, die neuen Dynamiken zu verstehen und auszu-nutzen. Kreiere und verbreite deine Botschaft mit allen zur Verfügung stehenden Logiken, Werkzeugen und Medien! Die New Actonomy besteht vor allen Dingen aus einer rigorosen Vernetzung aller bestehender Aktivitäten. Deren Verschiedenheit wiederum fordert dazu heraus, nicht-hierarchische, dezentrierte und deterritorialisierte An-wendungen zu erfinden und miteinander zu verknüpfen. Gesetzmä¤igkeiten der semiotischen Guerilla: Flucht nach vorne, Angriff und Rückzug, Kodieren und Löschen! Stelle ebenso präzise wie bescheidene Forderungen auf, die dem Gegner einen Schritt zurück gestatten, ohne das Gesicht zu verlieren. Die sozialen Bewegungen des letzten Jahr-hunderts haben es mit dem Nationalstaat aufgenommen und dessen Macht streitig gemacht. In der New Actonomy kämpfen die Aktivisten vornehmlich gegen Konzerne und gegen eine neue Form globaler Souveränität und wohlgemerkt: nicht gegen Globalisierung. Ziel ist nicht mehr, die Macht zu erlangen, sondern die Art und Weise zu bestimmen, wie sich Dinge verändern und warum. Grundsätzlich geht es darum, die Macht lächerlich zu machen, die Korrupt-heit der Macht sichtbar zu machen - und zwar in der schrillen, machtvollen, angriffslustigen und schönsten Sprache der Symbole.

Schritt zurück

Dann einen Schritt zurück, damit die Veränderungen überhaupt erst Platz haben, sich breit zu machen. Lass andere dies tun, wenn sie unbedingt wollen. In dieser Phase gibt es keinen Anlass, in direkten Dialog zu treten. Der Austausch auf dem Feld der Medien kann diese Aufgabe ge-trost übernehmen. Komplexe Gesellschaften verfügen über genügend Vermittler und Schnittstellen. Benutze sie! Indirekter Kontakt mit der Macht beeinflusst deine Radikalität solange nicht, wie du deine Würde aufrecht und auf dem aktuellen Stand hältst - sowohl als Einzelperson wie als Gruppe. Content-Viren Radikale Forderungen sind nicht von vorneherein Indiz für ein dogmatisches Glaubensbekenntnis - auch wenn das durchaus der Fall sein kann. Sofern gut formuliert, sind sie starke Zeichen, die tief eindringen in eine verwirrte postmoderne Subjektivität, die so empfänglich ist für verfängliche Phrasen, Logos und Marken. Erfinde und verbinde so viele Intentionen, Motivatio-nen und Begründungszusammenhänge wie möglich! Ein Content-Virus kann heute über Nacht Millionen erreichen, wenn es wirklich durchdacht ist. Nütze all deine Zeit, um herauszukriegen, wie ein Thema verpackt werden muss, um auf einer Reise durch Zeit und Raum in einer Vielzahl kultureller Kontexte zu verfangen. Der Widerspruch zwischen éSmall is beautiful‚ und éSub-versive Economies of scale‚ verschiebt sich ständig. Low-Tech und kostenlose Projekte haben viel Charme, aber in den meisten Fällen lassen sie die nötige Präzi-sion und Kreativität vermissen, um auch wirkungsvoll am schwächsten Glied der Kette anzusetzen. Mach dich bereit, auch mit Geld zu arbeiten! Du wirst es zumin-dest für eine entsprechende Ausrüstung gebrauchen können. Denke effizient und nutze den Stab und die Infrastruktur auf Seiten des Gegners! Aktiv sein in der New Actonomy hei¤t: Kosten sparen und direkt auf den Punkt kommen. Eine Kampagne muss höchsteffizient sein und nicht nur auf der eigenen Stärke beru-hen, sondern auch die Kräfte aller Verbündeter und Gegner einbeziehen. Outsourcing ist eine Waffe. Es hei¤t einfach nur, jemand anderen die Probleme zu überant-worten, die ich selbst nicht am besten lö-sen kann. Denk daran, dass du nicht weit kommst, ohne eine angemessene Infrastruktur mit Büros, Server, sowie legalen Rahmenbedingungen, um Geld einzunehmen und auszugeben. Diese institutionellen Erfordernisse können ziemlich flexibel gehandhabt werden: Du musst sie nicht besitzen, denn das einzige, was du brauchst, ist Zugang im Vorübergehen, so dass du die Maschinen für deine Zecke und dein spezielles Projekt einsetzen kannst.

Das Drama

Aktivisten wählen heutzutage vielschichtige, vielfältige und vielstimmige Ausdrucksweisen, die weit über das eigentliche Ziel der jeweiligen Kampagne oder einer konkreten Auseinandersetzung hinausschie¤en. Dies birgt Einsichten und Bereicherungen, die weit über das hinausreichen, was gerade im Moment zugänglich scheint. Dieser Mechanismus setzt eine Wiederaneignung rhizomatischer Mirko-Politik voraus, die einst aufkam als Antwort auf die zentralisierte Makro-Politik der zerfallenden Kommunistischen Partei-en in den 70ern. Agiere in einem klar umrissenen Raum mit einer eindeutig bestimmten Kraft! Dramaturgie ist eine Selbstverständlichkeit. Eine konturierte Kampagne besteht aus klar umrissenen Episoden mit einem Anfang und einem Ende, einer sanften oder harschen Eskalation und einem finalen Show-down. Wichtig ist, die Gesetzmä¤igkeiten des Auftauchens, Verschwindens und Wie-derkehrens zu akzeptieren. Bleib nicht hängen in Strukturen, die auf dem abstei-genden Ast sind. Sei bereit, dich fortzube-wegen, und dabei die Infrastruktur der vor-angegangenen Kampfzyklus mitgehen zu lassen, oder zumindest den Zugang dazu. Eine Kampagne findet an einer Vielzahl von Orten statt und verweist daher in durchaus positiver Manier auf Globalität und Globalisierung. Eine Globalisierung, die nicht einen leeren, endlos erweiterten Markt darstellt, sondern voll ist von der En-ergie der Menschen. Lass dich nicht erpressen! Wenn der Geg-ner in die Offensive zu gehen versucht, mach einen Schritt zur Seite oder nach vorne! Zieh alle Möglichkeiten in Betracht! Hauptsache, keine Panik! Aber machen wir uns auch nichts vor: Niemand braucht Cy-berhelden, du bist kein einsamer Hacker mehr! Die Antwort eines Konzerns mag härter sein als ursprünglich erwartet. Es könnte also mitunter besser sein, einer direkten Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Was aber unter allen Umständen zu vermeiden ist: sich auf die Medien oder andere Vermittler zu verlassen. Ignoriere deren Ratschläge! Am Ende bist du doch nichts als eine weitere Kurzmeldung für sie. Dann lieber eine Stufe kleiner, nachgeben, neue Kräfte sammeln, das Netzwerk wieder hochfahren, tief schürfen an allen Ecken und Enden des Netzes, um sogleich die Gegen-Kampagne zu starten! Besser sich selbst minorisieren, als dass es der Gegner tut. Programmiere und kompiliere subjektorientierte Kampagnen! Viele Menschen reden zur Zeit von einem globalen Aufstand, der gerade erst begonnen habe und sicher nicht darauf beschränkt bleiben werde, Stra¤enschlachten mit den drei Abkürzungen hinterherzulaufen: WB, WTO und IWF. Die brennende Frage der Bewegung aber lautet: Welche neuen Formen von Subjek-tivität werden aus den gegenwärtigen Kämpfen entstehen? Wenn schon alle wissen, was zu tun ist, wer wei¤ schon noch, wofür eigentlich gekämpft wird und warum? Aber vielleicht spielt das gar keine Rolle mehr: Vernetzter Aktivismus ist von betörender Fragilität. Es bedeutet: alle Ziele andauernd zu revidieren und neu zu definieren. Ignoriere die Geschichte The Revolution will be Open Source or Not. Selbstbestimmung ist etwas, was geteilt werden sollte. Sobald du auf einem bestimmten Gebiet eine gewisse Stärke verspürt, kannst du diese produktiv machen als ein positives, kreatives und innovatives Vermögen. Diese Macht birgt schier unglaubliche Möglichkeiten und produziert wieder und wieder unerwartete und unkal-kulierbare Effekte.

Ignoriere die Geschichte!

Bezieh dich nicht auf irgendeinen Vorgänger. Kill the darling! Versteck deine Bewunderung für Schriftsteller, Künstler und andere vertraute Typen! Du musst dich nicht dadurch legitimieren, dass du den richtigen Theoretiker oder Rapper zitierst. Sei skrupellos modern, das hei¤t: Ignoriere organisierte Moden, denn du hast genug mit anderen Dingen zu tun. überlass in der Zwischen-zeit anderen, die Techno-Religion zu predi-gen. Verbirg deine Vorlieben für alles, was neu und cool ist. Nutze es einfach! Reklamiere von den Konzernen das Recht auf die Zukunft! Und denk daran: Die Konzer-ne sind Dinosaurier. Lies so viel Business-Literatur wie möglich und hab keine Angst, sie könnte dich beeinflussen. Sie wird es. Wenn du genug Verstand und überzeugungen hast, kannst du mit diesem bisschen Ideologie spielend umgehen. Vergiss nicht, dass Aktivismus und Unternehmergeist einiges gemeinsam haben. Sei's drum! Zieh Nutzen aus deinen unbegrenzten Fähigkeiten, dich immer wieder zu verändern. Mit der richtigen Einstellung kannst du jede Form von Integration überleben. Befreie dich von der Idee, dass gegnerische Konzepte deinen Kampf kompromittieren könnten. Du musst dich nicht selbst über-zeugen und erst recht nicht deinen Gegner. Die Herausforderung besteht darin, diejenigen zu involvieren, die noch nicht Teil der Auseinandersetzung sind. Die Herausforderung besteht darin, Ressourcen zu nutzen, die dir vielleicht nicht wirklich gehören, aber dir gehören könnten.

Sidney/München Juni 2001 | Geert Lovink und Florian Schneider

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