"Auf freiem Fuß"

Interview mit dem Globalisierungstheoretiker Arjun Appadurai zum Thema Migration und elektronische Medien | Anette Baldauf / Christian Höller

"Bewegte Bilder treffen auf mobile ZuschauerInnen" - so umschreibt der Anthropologe Arjun Appadurai das Wechselspiel, in das kulturelle Produktions- und Rezeptionsweisen zunehmend eingebunden sind, und das in weltumspannendem Ausmaß. So "arbeiten" etwa verstreute MigrantInnengruppen und translokale Gemeinschaften an spezifischen Formen eines sozialen Imaginären, das seinerseits wieder weitverzweigte Diaspora-Öffentlichkeiten erzeugt: "Modernität auf freiem Fuß", wie der Titel seiner Globalisierungsstudie verlautbart. Appadurai, der an der University of Chicago unterrichtet und Mitbegründer der Zeitschrift "Public Culture" ist, sucht nach einer Verbindung von Ortsspezifischem und Globalem. Er tritt dabei für eine Konzeption von Örtlichkeit ("locality") ein, die nicht mehr territorial gebunden ist, die aber auch nicht einfach im virtuellen Raum verschwindet.

anette baldauf/christian höller: Ihre Auseinandersetzung mit den "kulturellen Dimensionen der Globalisierung" versucht, einen bestimmten Bruch innerhalb der Sozialtheorie zu charakterisieren: Globale kulturelle Strömungen sind Ihrem Ansatz zufolge aus komplexen, einander überschneidenden und disjunktiven Ordnungen zusammengesetzt, die keine vereinheitlichende Perspektive zulassen. Während die marxistische Tradition solche Ströme als letztlich vom Kapitalfluß bestimmt betrachtet, legen Sie den Akzent auf die Rolle der Massenmigration und - sogar noch wichtiger - auf die der elektronischen Medien. Warum dieser spezielle Fokus?

arjun appadurai: Die Prozesse der Globalisierung haben die Verhältnisse zwischen Subjektivität, Lokalität, politischer Identifikation und sozialer Imagination radikal verändert. Wie ich in meinem Buch "Modernity at Large"1 ausführe, treffen heute bewegte Bilder auf mobile ZuschauerInnen. Deshalb sind jene Theorien, die sich in irgendeiner Weise auf eine räumliche oder territoriale Stabilität beziehen, welche Wirtschaft, Gesellschaft und Subjektivität verbinden soll, nicht in der Lage, die Zirkulation von Personen und - massenmediatisierten - Bildern und Botschaften zu erfassen. Diese Zirkulation ist selbst nicht parallel oder isomorph zu traditionellen geografischen Konzepten, und sogar die besten marxistischen Analysen des globalen Kapitals verfehlen die disjunktiven Ströme von Migration und Massenmediatisierung.

Ihrem Ansatz nach sind sowohl die globale kulturelle Ökonomie als auch spezifische Örtlichkeiten als Überlagerungen fünf verschiedener Bereiche beschreibbar. Diese "unregelmäßigen perspektivischen Konstrukte" bezeichnen Sie auch als "Profile" ("scapes"): Ethnoprofil, Medienprofil, Technoprofil, Finanzprofil und Ideoprofil. In welchem Verhältnis stehen diese Bereiche zueinander?

Nun, die Aufspaltung dieser "Profile" bedeutet nicht, daß es keine Muster oder Logik dahinter gibt, sondern nur, daß die traditionellen Modelle für das Verständnis dieser Verbindungen nicht mehr hilfreich sind. Die Regelmäßigkeiten sind gleichzeitig räumlich verzweigter und zeitlich beschleunigt. Während die räumlichen Verbindungen zwischen verschiedenen Ereignissen undurchsichtig werden und sich ausweiten, sind die zeitlichen Verbindungen mittlerweile so kurzfristig, daß sie oft verschwinden, bevor wir sie noch erforschen können. Trotzdem lassen sich einige Beispiele anführen: Medienströme über nationale Grenzen hinweg, die Bilder des Wohlstands in Umlauf bringen, welche von den nationalen Lebensstandards und den praktischen Möglichkeiten der KonsumentInnen nicht erfüllt werden können; oder zirkulierende Ideen von sozialem Geschlecht und Modernität, was sowohl viele weibliche Arbeitskräfte als auch übernationale Ideologien von "Kultur", "Authentizität" und "nationaler Ehre" produzieren, welche dann wiederum jenen wachsenden Druck auf genau diese Frauen erzeugen, diese nationale Tugenden zu verkörpern.

Es scheint also doch so etwas wie Regelmäßigkeiten in den "fraktalen" globalen Prozessen zu geben ƒ

Ja. Die momentane "Krise" der wachsenden asiatischen Wirtschaft ist ein interessanter Fall dessen, was man "Regularitäten der Disjunktion" nennen könnte. Diese von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds über mehr als ein Jahrzehnt als großartige Beispiele von schnellem Wachstum und Markteffizienz angepriesenen Ökonomien werden jetzt als schlecht disziplinierte Nester eines "Kumpelkapitalismus" angesehen. Nach Übereinstimmung vieler Fachleute waren mehrere davon, Thailand beispielsweise, ziemlich "gesund", bis sie Zielscheibe einer großer Menge von spekulativem Finanzkapital von außen wurden, was einen unsteuerbaren inneren Druck erzeugte, der in erster Linie aus der Disjunktion zwischen diesen Spekulationen und dem tatsächlichen Reichtum dieser Länder hervorging. Wenn diese Wirtschaft außer Kontrolle gerät, erzeugt die Geschwindigkeit des globalen Investments eine Art von Dominopanik, die auf die reichen Länder des Westens zurückschlägt. Diese sind dann gezwungen, neue Gelder in diese Ökonomien, die nun auch Japan und Rußland umfassen, hineinzupumpen, um die Kosten der räuberischen Finanzspekulationen in Grenzen zu halten oder umzukehren. Aus meiner Sicht, die auch von William Greider und anderen geteilt wird, zei-gen sich hier die Folgen der radikalen Trennung zwischen Finanzspekulation und Handel in der Weltwirtschaft, aber auch die Konsequenzen einer Warenproduktion, die weit über der Kaufkraft der KonsumentInnen liegt. Diese Prozesse machen deutlich, daß die Eliten derjenigen Länder, die in früheren Jahrzehnten von den Gewinnen der Modernisierung und der Entwicklung profitiert haben, jetzt die Makler der beschleunigten globalen Finanzspekulationen sind. In den Vereinigten Staaten ergibt das einen Widerspruch zwischen der Tatsache, daß der US-amerikanische Reichtum diese Überseewirtschaft zum Aufnehmen seines finanziellen Überschusses braucht, und dem umgekehrten Effekt der Gefährdung der heimischen Wirtschaftsstabilität durch den Zusammenbruch eben dieser Ökonomien.

Globale Prozesse wirken sich aber auch auf imaginärer Ebene aus. Der massive Gebrauch von elektronischen Medien scheint eine neue Dominanz der Imagination im sozialen Leben zu erzeugen, nämlich erstens des Bildes als wichtigster sozialer und kommunikati-ver Tatsache , zweitens von imaginierten Gemeinschaften und drittens von - oft anti-hegemonial verfaßten - imaginierten Welten. In welcher Hinsicht stellen diese Formen der Imagination radikal neue Dimensionen dar, etwa im Vergleich zur bloßen Bestärkung oder Neuformatierungen bereits existierender Formen?

Das ist in gewissem Sinn eine Frage der Abstufung oder des Kontinuums. Natürlich bauen neue Ideen von Identität, Zugehörigkeit, Organisation und Zielen oft auf bereits existierenden auf oder erweitern diese. Deshalb haben die Vorstellungen chinesischer Gemeinschaften in ihren Verbindungen etwa zu Taiwan, Singapur, Hongkong, der Volksrepublik China, Vancouver, Los Angeles ihren Ursprung in der weltweiten Migration von ChinesInnen im neunzehnten Jahrhundert und früher. Trotzdem gibt es auch radikal neue Dimensionen: So können etwa jene, die sich selbst als radikale "Grüne" sehen, ihren Einsatz für den Öko-Globalismus in gewissem Sinn als primär und wichtiger als ihre nationale Zugehörigkeit wahrnehmen. Das könnte auch für manche FeministInnen, WissenschaftlerInnen und "Cyber-Citizens" gelten, die das Internet als ihre primäre Gemeinschaft ansehen.

Während Ihr Ansatz die Rolle der Imaginationsarbeit im sozialen Leben betont, behaupten Sie zugleich, daß die Verbindung zwischen Imagination und Sozialem heute in hohem Maße global und deterritorialisiert ist. Das erzeugt im Gegenzug etwas, das Sie "diasporische Öffentlichkeiten" oder "translokale Gemeinschaften" nennen. Um eine Charakterisierung von Ihnen zu zitieren: "Wenn türkische GastarbeiterInnen in Deutschland türkische Filme sehen, KoreanerInnen in Philadelphia die Olympischen Spiele 1988 in Seoul über Satellitenempfang mitverfolgen und pakistanische TaxifahrerInnen in Chicago Kassetten mit in Pakistan oder im Iran aufgenommenen Predigten hören, dann sehen wir, wie bewegte Bilder auf deterritorialisierte ZuseherInnen treffen."2 In welchem Verhältnis „ um sich diesem wichtigen Thema zu nähern „ stehen diese diasporischen Öffentlichkeiten zum Nationalstaat und zu Nationalismen, die sich ja offensichtlich nicht auflösen? Wie weit lassen sie alle Zugehörigkeiten mit "der Nation" hinter sich?

Zum einen erlaubt die Möglichkeit, Bilder, Pläne und Projekte schnell über elektronische Medien und direkten Kontakt auszutauschen, eine "gleichzeitige" Teilnahme an mehreren nationalen Öffentlichkeiten, wie es etwa bei TürkInnen in Deutschland und in der Türkei oder bei Sikhs im Punjab und in Kanada der Fall ist. Zum anderen entstehen weltweit neue Ethnonationalismen, die oft mit schockierenden Formen der Gewalt einhergehen - und die keine simplen Reaktionen auf Globalisierungsprozesse sind. Sie spiegeln aber natürlich überall die Angst vor ImmigrantInnen, vor gegenseitiger ökonomischer Abhängigkeit und Vorbehalte gegenüber dem Status von Minoritäten wider. Den größten Einfuß auf gegenwärtige Nationalismen haben die diasporischen Öffentlichkeiten durch die Produktion von neuen Mehrheitsansprüchen ("majoritarianism"). Mit anderen Worten: die in jeder Form von Nationalismus verborgenen ethnischen Essentialismen tauchen jetzt als Mehrheitsansprüche wieder auf, die die Politik der Staatsbürgerschaft auf eine Politik der Zahlen reduzieren und damit besonders gefährlich sind. Umgekehrt kann aber auch das Überschreiten von Grenzen durch MigrantInnen neue und aggressive Formen des Terrors erzeugen, der von Minoritäten selbst ausgeübt wird, wie beispielsweise durch die Tutsi in bestimmten Phasen der Krise in Zentralafrika. Allgemein gesprochen, bleibt der Nationalismus immer noch eine entscheidende Identifikationsform für viele Gruppen, aber er ist immer mehr von Territorialität und Eigenstaatlichkeit abgetrennt.

In den vergangenen Jahren haben Massenmedien, auch oder gerade in Europa, ethnische Gewalt profitabel vermarket und diese dabei vielfach auf einen wiederbelebten Tribalismus und eine Explosion roher, primitiver Gefühle zurrückgeführt - ein falsches Erklärungsmodell, das Sie den "Bosnientrugschluß" nennen. Welche andere Erklärung haben Sie für dieses Phänomen?

Meine momentane Arbeitshypothese3 besteht darin, daß die extreme, viele ethnische Kriege begleitende Gewalt das Ergebnis einer radikalen Unsicherheit über soziale Identitäten ist. Diese erzeugt einen Überschuß an Angst und Wut über diesen kategorialen Betrug - man glaubt, vom anderen zutiefst getäuscht worden zu sein, was seine wahre Identität betrifft. Das resultiert wiederum im Bemühen, den Körper des ethnisch "anderen" zu vivisezieren, und zwar in einer brutalen Parodie der wissenschaftlichen Bemühungen, die wirkliche Form des ethnisch anderen zu "entdecken". Diese Form der radikalen Unsicherheit hängt meiner Ansicht nach direkt mit den größeren Prozessen der Globalisierung, wie ich sie in "Modernity at Large" dargestellt habe, zusammenhängt. Dies erklärt zwar nicht alle Ar-ten von ethnischer Gewalt, die wir heute sehen, stellt aber eine mögliche Alternative zu den Primitivitäts- oder Tribalismustheorien dar.

Die Folgen der Globalisierung werden meist entweder als Homogenisierung - als wachsende vereinheitlichende Amerikanisierung oder McDonaldisierung - oder als Essentialisierung des Lokalen betrachtet. Ihr Ansatz, der eine kontextuelle und relationale Alternative zu diesen zwei Modellen vorschlägt, versucht eine gewisse dialektische Bewegung innerhalb des Prozesses der Globalisierung festzuhalten, das heißt sowohl die konstante Produktion als auch die kontinuierliche Auflösung des Lokalen durch genau diesen Prozeß. Was genau ist der Status der Örtlichkeit oder des Lokalen innerhalb dieser dialektischen Bewegung? Oder anders gefragt: gibt es in der Disjunktion der kulturellen Ströme so etwas wie ein Verschwinden von konkreten Örtlichkeiten?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich glaube natürlich, daß Örtlichkeit, konkrete Situation und Situiertheit in der globalisierten Welt, in der wir jetzt leben, von größter Wichtigkeit sind. Die Gleichsetzung von Örtlichkeit mit Gemeinschaft und die Reduktion von Lokalitäten auf bloß geografische Orte müssen jedoch grundlegend überdacht werden. Sowohl Örtlichkeiten als auch Reisen bleiben real und problematisch, besonders für Gefangene, Flüchtlinge, Asylsuchende und andere exponierte Gruppen. Deshalb zögere ich, Ausdrücke wie "verschwinden" zu benützen, außer um zu sagen, daß heute die Grenzen, Horizonte, Checkpoints und Übergänge, die früher eine gesichertere Form von nationaler Geografie ausgezeichnet haben, immer obskurer und umstrittener werden. Örtlichkeiten bleiben von entscheidender Bedeutung, sogar für das weltweite Kapital, wie Saskia Sassen so eloquent dargestellt hat. Trotzdem verlieren Grenzen für manche Gruppen und manche Technologien an Bedeutung: Denken Sie nur an WissenschaftlerInnen, WaffenhändlerInnen und globale Finanziers, um nur drei Beispiele zu nennen. Orte im Sinn von sicheren Plätzen für alltägliche Tätigkeiten mögen zum Teil verschwunden sein - man denke auch an bestimmte Arten des "öffentlichen Raums" in den modernen Metropolen -, während gleichzeitig aber andere Formen des virtuellen Raums zumindest für die privilegierte globale Klasse verfügbar werden.

Was genau macht die Stärke dieser "virtuellen Gemeinschaften" oder der translokalen MigrantInnen-Gemeinschaften aus, die als Nachwirkungen der postnationalen Bewegungen entstanden sind? Welche aktive politische Rollen, glauben Sie, können diese Gruppierungen in der Zukunft spielen?

Wir müssen natürlich festhalten, daß weder alle virtuellen Umgebungen diasporisch sind, noch alle diasporischen Gemeinschaften an den Cyberspace gebunden sind. Wenn wir aber die breite Klasse translokaler Gemeinschaften, Netzwerke, Organisationen und Visionen untersuchen, weisen diese sehr wohl eine Vielzahl politischer Möglichkeiten auf. Ihr Potential ist zwar nicht immer positiv, wie etwa bei den transnationalen Netzwerken von Drogen- und WaffenhändlerInnen, wenn wir aber an die transnationalen Verbindungen zwischen MenschenrechtsaktivistInnen, FeministInnen und UmweltschützerInnen denken, scheint es, als drängten diese auf einen konsistenten und weniger heuchlerischen Dialog zwischen den Nationen, auf einen demokratischeren Dialog zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Belangen und auf eine artikuliertere Stimme für die Armen. So gibt es etwa in den Debatten und Diskussionen um die neu geschaffene "World Trade Organization" eine größere Präsenz von AktivistInnen und Intellektuellen, die nicht für bestimmte Markt- oder Staatsinteressen, sondern im Namen ökologischer Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und demokratischer Teilnahme ohne Rücksicht auf nationale Interessen sprechen. Auch wenn das erst ein sich entwickelndes und rudimentäres Vokabular ist, könnte es doch den Beginn eines Vorstoßes setzen - zu einer Welt von Örtlichkeiten und Netzwerken anstelle einer Welt von Ethnizitäten und Territorien.

Übersetzung: Thomas Raab

1 Arjun Appadurai: Modernity at Large. Cultural Dimensions of Globalization. Minneapolis, London 1996.
2 Ebd., S. 4.
3 Dead Certainty: Ethnic Violence in the Era of Globalization. In: Public Culture, Bd. 10, Heft 2, 1998.

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