einladung (erste version vom april 2002)
forum der temporären assoziation jeder mensch ist ein experte
arbeit und migration 21. bis 23. juni 2002 in hamburg
eine einleitende positionierung
es sei dahingestellt, ob und wieweit die öffentliche debatte um ein "zuwanderungsbegrenzungsgesetz" weiterhin wahlkampftaktisch aufgeladen wird und wie das neue regelwerk letztlich in den einzelnen facetten aussehen wird. jedenfalls markiert der im märz 2000 aufgemachte diskurs einen doppelten anspruch der politisch-wirtschaftlichen elite: die migration entsprechend ökonomischer verwertungsinteressen zu regulieren und gleichzeitig einer verschärften kontrolle zu unterwerfen.
entsprechend kombiniert das moderne migrationsregime arbeitsmarktpolitisch motivierte öffnungen für die "nützlichen" mit neuen repressiven ausgrenzungs- und abschiebemaßnahmen gegenüber den "nutzlosen" bzw. unerwünschten.
die neue ausnahmeverordnung für pflegekräfte, die nun frauen aus osteuropäischen assoziationsstaaten in auf drei jahren befristeten arbeitsverträgen legalisiert, steht beispielhaft für diesen regulierungs- und verwertungsanspruch. die einrichtung sogenannter ausreisezentren symbolisiert einen prallellen neuen schub der kontrolle, entrechtung und illegalisierung von abgelehnten asylsuchenden.
bei aller brutalisierung der ökonomischen und sozialen bedingungen für flüchtlinge und migrantInnen sollte dennoch nicht aus dem blickwinkel geraten: die benannten maßnahmen reagieren auf eine ungebändigte autonomie der migration, sie zielen auf ihre sozialen netzwerke, die sich den globalisierten ausbeutungshierarchien widersetzen. die "bekämpfung illegaler migration" ist nichts anderes als die kriminalisierung einer sozialen bewegung und ist entsprechend mit allem nachdruck zurückzuweisen.
unser hintergrund
in den letzten jahren waren wir in diversen kampagnen und aktionen rund um das netzwerk kein mensch ist illegal aktiv. der gleichnamige appell beinhaltete zwar den anspruch, auch die sozialen bis arbeitsrechtlichen aspekte der illegalisierung zu thematisieren. angesichts einer zunehmend verschärfteren abschiebungspolitik geriet diese soziale dimension jedoch niemals angemessen ins blickfeld.
im juli vergangenen jahres haben wir, im rahmen des antirassistischen grenzcamps bei frankfurt, erstmals eine zeitung erstellt, in der wir unsere überlegungen vorgestellt sowie einschätzungen unterschiedlicher initiativen zur einwanderungsdebatte zusammengeführt hatten.
im oktober dann beteiligten wir uns in münchen am make-world-festival. "everyone is an expert" lautete der untertitel dieser viertägigen konferenz, die eine spannende bühne für informationen und kontakte aus aller welt bot. "arbeit ohne grenzen" bildete darin einen zentralen veranstaltungssstrang, in internationaler zusammensetzung diskutierten gewerkschafterInnen sowie medien- und antirassistische aktivistInnen über die vielgestaltigen zusammenhänge von arbeit und migration.
mit zweien der eingeladenen referentinnen haben wir anschließend eine veranstaltungstour organisiert: mit valery rey alzaga von der seiu(service employees international union), der janitor-gewerkschaft in denver sowie mit kimi lee, die ein textilarbeiterInnenzentrum in los angeles leitet. ihre vorträge boten einen beeindruckenden einblick in die streiks der putzkräfte quer durch die usa, in die multiethnische organisierung in den niedriglohnbereichen und nicht zuletzt in die auch von gewerkschaften mitgetragenen kampagnen für die legalisierung statusloser arbeitsmigrantInnen.
die frage, inwieweit solche erfahrungen für hiesige verhältnisse nutzbar gemacht werden können, war in allen veranstaltungen präsent. daraus sowie aus neu entstandenen kontakten insbesondere in die gewerkschaftslinke sowie zu leuten aus dem projekt kanak attak entwickelte sich schließlich das forum als idee, diskussionsraum für ein praktisch-orientiertes "cross-over" zu eröffnen.
das forum
am freitag abend wollen wir zunächst in einer kurzen einleitung einige uns zentral erscheinende fragestellungen benennen. die komplexität, die ambivalenzen und widersprüche, in denen "arbeit und migration" im globalisierten und flexibilisierten kapitalismus zu thematisieren wären, sollten zumindest angerissen werden.
anschließend sind drei beiträge vorgesehen, um unterschiedlichkeiten im gesamtspektrum der migration zu skizzieren. thematisiert werden fluchtmigrantInnen am arbeitsmarkt, die pendel- und saisonmigration aus osteuropa sowie frauenspezifische formen der arbeitsmigration. dabei soll der schwerpunkt auf politische handlungsansätze, aber auch auf einschätzungen zu den sozialen alltäglichen widerstandsstrategien der betroffenen gelegt werden.
am samstag wollen wir tagsüber in zwei arbeitsgruppen folgende diskussionsstränge bearbeiten.
zum einen den sozialpolitischen krisenangriff, der durch die auflösung der fabrikarbeit, eine immer weitere ausdifferenzierung der ausbeutungsverhältnisse und die ausweitung der niedriglohnarbeiten gekennzeichnet ist. von scheinselbständigkeit und subunternehmertum über permatemps und leiharbeit bis zu illegaler arbeit und gefängnisarbeit reichen die neuen formen des arbeitszwangs, selbst die entsprechenden arbeitsvermittlungen werden zunehmend privatisiert. zur durchsetzung und aufrechterhaltung solcher strukturen des "working poor" sind rassismen und ethnische spaltungen geradezu konstitutiv.
ziel dieser arbeitsgruppe wäre eine kontextualisierung von ausbeutungsoffensive und rassismus bzw. umgekehrt die nach der verbindung von sozial(revolutionär)er und antirassistischer praxis.
daran sollte die zweite arbeitsgruppe anknüpfen und widerstandsansätze bzw. organisierungserfahrungen thematisieren, hier in der brd, in europa, in den usa ... was tun?! also die zentrale frage der zweiten runde. die hiesige praxis kennt beratungsansätze, unterstützungs- und öffentlichkeitsarbeit sowie militante untersuchungen. das wäre zu bilanzieren.
die situation in den usa erscheint sehr viel entwickelter: die janitors stehen für eine transformierung in richtung internationalisierung bzw. migrantisierung der gewerkschaften, die für höhere löhne und garantien (krankenversicherung und auch legalisierung...) kämpfen. außer- oder postgewerkschaftliche ansätze formieren sich in communityorientierten, selbstorganisierten arbeiterInnenzentren. inwiefern lassen sich solche erfahrungen aus den usa für die situation hier aufgreifen? als zentraler unterschied muß zunächst die leerstelle bzw. randposition betroffener flüchtlinge und migrantInnen thematisiert werden. in den usa und auch in einigen europäischen ländern ist die ausgangssituation eine andere, weil die selbstorganisierung bzw. die politische kampfbereitschaft in den communities sehr viel ausgeprägter ist bzw. die gewerkschaften als rückendeckung oder bündnispartner agieren. dennoch, oder gerade deswegen, sehen wir in diesem internationalen input eine chance, die deutschtümelnden linken und oft nur noch jammernden diskurse zu unterlaufen.
der samstag abend steht unter dem titel "kritik und krise der arbeit". initiativen gegen und jenseits der verwertungsgesellschaft sowie feministische kritiken zur hausarbeit, insbesondere im kontext der migration, sollen diskutiert und neue technologien nicht nur in richtung kontrollgesellschaft sondern auch nach neuen autonomien hinterfragt werden.
den sonntag (bis ca. 14 uhr) wollen wir praktischen schlußfolgerungen und möglichst konkreten handlungsvorschlägen vorbehalten.
wir halten eine kampagne für gleiche rechte für dringend geboten, sind uns allerdings über die konkreten ausgestaltungen, über die rolle, die darin z.b. die legalisierungsforderung erhalten kann oder muß, in vielerlei hinsicht unklar.
wir sind uns einig,
- dass wir diesbezüglich eine stäkere polarisierung für notwendig halten;
- dass wir migration als ein selbstverständiches recht auf bewegungsfreiheit ansehen;
- dass wir alle protektionistischen ansätze von gewerkschaftsseite nicht nur für perspektivlos halten sondern letzlich im nationalismus münden sehen;
- und dass wir mit diesem forum mehr wollen als eine bestandsaufnahme und einen austausch unterschiedlicher ansatzpunkte ...
wir setzen insofern auf die eigendynamik und synergieeffekte eines zusammentreffens praxisinteressierter gruppen und personen, die hoffentlich ebenfalls von der überzeugung beseelt sind, dass sich die bedeutung einer konferenz an den praktischen initiativen messen lassen muß, die davon ausgehen.
temporäre assoziation "jeder mensch ist ein experte" im april 2002
anmerkungen:wir werden einen vorbereitungsreader erstellen, in dem grundlegende texte zu den angerissenen schwerpunkten gesammelt sind. dieser ist spätestens ende mai verfügbar.
bis dahin wird es eine 2te einladung mit genauem ort, zeitplan und referentInnen geben. wir bitten allerdings jetzt schon alle interessierten um rück- bzw. anmeldung, damit wir die voraussichtliche größe des forums einschätzen können.
zu einer fortsetzung und internationalisierung der debatte laden wir schon jetzt ins nobordercamp vom 19. bis 28. juli nach strasbourg ein (www.noborder.org). "arbeit und migration" werden wir dort zu einem inhaltlichen schwerpunkt ausgestalten, u.a. haben die aktivistinnen aus den usa ihr erneutes kommen bereits zugesagt.